Für das kleine Winzerstädtchen Ribeauville im Oberelsaß ist das Jahr der Frau noch nicht zu Ende. Hier heißt der Bürgermeister Madame le maire, der Richter ist Madame le juge, und auch der protestantische Geistliche ist eine Madame. Jetzt haben sich die matriarchalischen Verhältnisse sogar auf den Unterpräfektenbezirk ausgedehnt, denn dieser kleinste der fünf Bezirke des Departement Haut-Rhin mit seinen knapp 50 000 Einwohnern wird nun von einer Madame le Sous-Préfet regiert. Die charmante Mademoiselle Florence Hugodot ist der erste weibliche Unterpräfekt Frankreichs. Für die Winzer ein doppelt willkommener Anlaß zum Anstoßen.

Wie die meisten Beamten der höheren Laufbahn, so hat auch Florence Hugodot drei Jahre lang die Ecole Nationale d’Administration (ENA) besucht, bevor sie im Juni 1974 mit 26 Jahren zum Unterpräfekten ernannt wurde. Vor ihrem Amtsantritt in diesem Sommer mußte sie allerdings noch leitende Stellen als Kabinettsdirektor des Präfekten der Ostpyrenäen und des Präfekten der Pariser Region durchlaufen. Wann die jetzt 28jährige und vorläufig nur mit ihrer Karriere verheiratete Absolventin zum Präfekten ernannt wird, scheint nur eine Frage von einigen Jahren zu sein. Frauen in plakativ leitenden Stellungen gehören heute zum Image der fortgeschrittenen liberalen französischen Gesellschaft Giscards. Und außerdem: ENA und ihr Beziehungsgeflecht verpflichten.

Diese noch bis vor wenigen Jahren nur Männern vorbehaltene Verwaltungs-Eliteschule stellt seit 1945 gemeinsam mit der traditionsreicheren Ecole Polytechnique einen immer stärker zunehmenden Anteil der Direktoren und Generaldirektoren staatlicher Unternehmen, der höheren Regierungsbeamten, Präsidentenberater und Minister. Gesundheitsminister Frau Simone Veil zum Beispiel ist auch eine "énarque" und, nebenbei bemerkt, aus demselben Jahrgang wie Mademoiselle Hugodot.

Aber so fest im Zentrum der Macht wie ihre Ex-Mitschülerin sitzt die Unterpräfektin freilich noch nicht. Parteilos wie nahezu alle Präfekten und Unterpräfekten – das garantiert bei einem politischen Regierungswechsel die administrative Kontinuität – repräsentiert sie vorläufig die Pariser Zentralgewalt in den Provinzen. Daran hat sich nichts geändert, seit Napoleon Präfekten an die Spitze der 99 größten Verwaltungseinheiten, die Departements, gestellt hat. Keine der nachfolgenden Republiken hat an diesem Dogma des französischen Zentralismus gerüttelt.

Die vom Innenminister direkt ernannten Präfekten und Unterpräfekten haben die Regierung zu vertreten, ihnen ist die gesamte öffentliche, Verwaltung, insbesondere die Polizei des Departements unterstellt. Der Präfekt sorgt für die Ausführung der Gesetze und Verordnungen, gleichzeitig ist er Chef der Exekutive der departementalen Selbstverwaltung und somit auch ihr Vertreter gegenüber der Zentralgewalt in Paris. Eine fürstliche Doppelfunktion ohne kontrollierendes Korrelativ, jakobinisch eigenmächtig und – paradox – wie ein Adelsrelikt des "ancien régime". François Mitterrand, Oppositionsführer im Palais Bourbon, faßte es resigniert in den Satz: "Statt eines Napoleon in Paris haben wir einen pro Departement."

Aber die Konzentration der Zentralgewalt auf eine Person hat auch ihre Vorteile – für den Innenminister und den Zentralismus. Zentrifugalkräfte und Autonomiebestrebungen in einigen französischen Peripherieprovinzen lassen sich, wenigstens für eine kleine Weile ziemlich rasch neutralisieren. Man wechsle nur, wie 1975 in Korsika, einfach den napoleonischen Sündenbock aus. Ohnehin bleiben Präfekten und Unterpräfekten selten länger als 4 bis 5 Jahre auf demselben Posten.

Für den Unterpräfekten gelten die gleichen Spielregeln wie für den Präfekten, nur in kleinerem Maßstab. Zu den wesentlichen Aufgaben gehört die Kontrolle über die Gemeindehaushalte, über Subventionen, Kosten für Schulbauten, Ausgaben der öffentlichen Verwaltung. Der Sous-Préfet bespricht mit den direkt gewählten Gemeinderäten die besonderen Probleme des Bezirks, leitet Vorschläge und Beschwerden aus der Bevölkerung an die zuständigen Stellen weiter und ist eine Art Volkstribun mit ministerieller Legitimation.