Mein Kohl-Interview – Seite 1

Herr Kohl, in der letzten Sendung "Journalisten fragen – Politiker antworten" wirkten Sie von einem gewissen Augenblick an sehr gelöst, fast ausgelassen, und zwar als ..."

"Ach ja, an diesen Moment erinnere ich mich genau. Das war, als Strauß seine Ernennung zum Finanzminister bekanntgab."

"Hatten Sie vorher noch Zweifel gehabt?"

"An sich nicht. Strauß hatte mir seine Entscheidung kurz vorher mitgeteilt. Aber bei ihm weiß man ja nie so genau."

"Auf manche Zuschauer wirkten Sie auch danach noch etwas nervös."

"Das ist ja wohl kein Wunder: Ich mußte dauernd daran denken, wie Carstens wohl die Bemerkung von Strauß aufnehmen würde, er werde selbstverständlich sein Augenmerk auf die Außenpolitik richten."

"Und wie hat Carstens das aufgenommen?"

Mein Kohl-Interview – Seite 2

"Gut – nachdem Strauß versichert hat, er werde Carstens bei unseren Beziehungen zu Australien, Österreich und Nicaragua völlig freie Hand lassen."

"Und wie haben die anderen Minister-Anwärter darauf reagiert, daß Strauß ihnen, wie er sagt, seinen Rat zur Verfügung stellen will?"

"Dankend. Selbst Herr Katzer kann nicht daran vorbeigehen, daß ein Finanzminister bei seinem Etat ein Wörtchen mitzureden hat."

"Man wirft Ihrem Kabinett eine gewisse Rechtslastigkeit vor."

"Glatter Unsinn! Bloß weil Finanzen, Wirtschaft, Außen- und Innenressorts an Strauß, Stoltenberg, Carstens und Dregger fallen?"

"Dann gibt es Leute, die behaupten, der wahre Kanzler sei Strauß."

"Dagegen spricht allein schon, daß ich in härtesten Auseinandersetzungen mit ihm immerhin Weizsäcker, Barzel und Biedenkopf durchsetzen konnte."

Mein Kohl-Interview – Seite 3

"Aber für diese Herren haben Sie noch keine Ressorts." "Dadurch erhalte ich mir eine gewisse Unabhängigkeit und habe noch ein paar saftige Überraschungen in petto."

"Dann ist da noch die Sache mit den fünf Frauen in Ihrem Kabinett."

"Ein Schlag gegen die Koalition, auf den ich besonders stolz bin. Sie wird nicht mehr kontern können! Die bleiben jetzt auf ihren zwei Damen sitzen."

"Ja, ja, aber wo wollen Sie die alle unterbringen – bei den vielen Männern, denen sie schon Posten versprochen haben?"

"Zugegeben: ein Problem. In einem Falle – aus begreiflichen Gründen will ich keinen Namen nennen – bin ich etwas in die Klemme geraten. Dem Manne hatte ich unbedacht einen Ministerposten zugesagt, der jetzt einer Frau vorbehalten ist."

"Geht das nicht auf Kosten Ihrer berühmten Glaub-Würdigkeit?"

"Ehrlich gesagt: ja! Aber konnte ich seinem Vorschlag zustimmen, sich deswegen einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen?"