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Ein selbständiger Kraftfahrzeugmeister führte Klage: "Der Herstatt gehört hinter Gitter," Zwei Jahre, einen Monat und 29 Tage, nachdem sich der Meister so lautstark vor dem "Bankhaus I. D. Herstatt, Kommanditgesellschaft auf Aktien" empört hatte, ging sein Wunsch in Erfüllung: Iwan David Herstatt, gescheiterten Bankier, mußte aus seinem feudalen Eigenheim im prominenten Villenviertel Marienburg in die Justizvollzugsanstalt im weniger exklusiven Stadtviertel Ossendorf umziehen.

Das letzte Kapitel der bisher spektakulärsten Bankpleite in der Bundesrepublik nimmt nun seinen Lauf. Hinter Gitter kamen mit Herstatt weitere sieben, in den Bankkrach verwickelte Personen:

Dany Dattel, Herstatts cleverer Chefdevisenhändler;

Bernhard Graf von der Goltz, ehemaliger Generalbevollmächtigter der Bank;

Heinz Hedderich, Direktor der Auslandsabteilung; Kurt Wickel von der Abteilung Geldhandel;

Bruno Meinen, bis August 1973 Prokurist des Geldinstituts;

Norbert Arden, Devisenhändler aus Buchschlag bei Offenbach und dessen Kollege

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Bruno Blaeser, mit dem Arden bis zur Herstatt-Pleite in Frankfurt die Broker-Firma "Intervalor" betrieb, die in Herstatt-Geschäfte mitverwickelt sein soll.

Die Überraschungsaktion der Kölner Justiz begründete Staatsanwalt Manfred Willems, ein versierter Fachmann für Wirtschaftsverbrechen, mit Flucht- und Verdunkelungsgefahr der Herstatt-Crew. Gegen sie besteht schwerer Verdacht der gemeinschaftlichen Untreue, des Betrugs und der Verstöße gegen aktienrechtliche Bestimmungen.

"Wir sind wie aus dem Häuschen", beklagt Ilse Herstatt den Schicksalsschlag, der ihren Mann getroffen hat. Das war sie auch schon vor zwei Jahren, als der damalige Präsident des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen, Günter Dürre, am Spätnachmittag des 26. Juni während des Fußball-Länderspiels Deutschland gegen Jugoslawien per Telephon und Telex die Herstatt-Bank schloß.

Riskante Devisenspekulation mit dem Geld der Bank und ihrer Kunden hatten die Geschäfte ins Schleudern gebracht. Nach ersten Schätzungen wurde der Verlust mit rund 500 Millionen Mark beziffert. Nach genauer Durchsicht der Bücher kletterte er hoch auf 1,2 Milliarden Mark.

Geprellt fühlten sich große und kleine Sparer, die sich von Herstatt – im Nebenjob lebensfroher Karnevalsjeck – hatten annimieren lassen, ihr Geld bei ihm gewinnbringender als anderswo anzulegen. Das Vertrauen seiner Kunden belohnte Herstatt mit Zinsen, die über dem Niveau anderer Banken lagen, Das war so lange gutgegangen, wie die riskanten Devisengeschäfte so hohe Gewinne abwarfen, daß Verluste anderer Abteilungen gedeckt werden konnten. Doch vom Ende 1973 an gab der Devisenmarkt nichts mehr her.

Es traf so bekannte Fernsehmatadoren wie den Frühschöppner Werner Höfer und den Sportmoderator Ernst Huberty. Schlagerstar Margot Eskens trauerte 100 000 Mark nach. Bonns Leberspezialist Gütgemann gab alles hin. Die kleine Gemeinde Blankenheim erlitt ebenso Schaden wie die ohnehin schon hoch verschuldeten Städte Köln und Bonn. Die katholische Caritas war mit einer Million ebenso dabei wie die Freischaffenden aus dem Kölner Eros-Center, deren Boß das Geld seiner "Damen" für deren späte, stille Tage festverzinslich und mit Herstatt-Bonus angelegt hatte.

Am meisten aber verlor der vorgeblich ahnungslose Haupteigentümer der Bank, der Versicherungskaufmann und königlich-schwedische Generalkonsul Hans Gerling. Um den eigenen Ruf zu wahren, mußte er die Hälfte seines Versicherungskonzerns opfern. Heute ist er nicht mehr Herr im Haus, aber nur so konnte ein Vergleich geschlossen werden.

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Herstatt-Sparer mit nicht mehr als 20 000 Mark auf den Konten wurden aus dem Feuerwehrfonds der deutschen Banken voll entschädigt. Die übrigen Gläubiger mußten sich mit Quoten zwischen 45 und 65 Prozent begnügen. Im Dezember 1974 konnte die zivilrechtliche Akte der Herstatt-Pleite weitgehend geschlossen werden, doch es blieb die strafrechtliche Seite.

Mit Akribie ermittelten die Staatsanwälte, während sich die Pleitiers in Sicherheit wogen. Iwan Herstatt hatte sich über ein Jahr lang den Vergleichs-Abwicklern für Auskünfte bereitgehalten und dafür 3000 Mark im Monat kassiert. Nach eigenen Beteuerungen hat er sein ganzes Vermögen zu Befriedigung seiner Gläubiger vergeben. Doch am Bettelstab ist die Familie bisher noch nicht gegangen. Ilse Herstatt mußte weder "arbeiten gehen" noch nur "Kartoffelsuppe" kochen, wie sie um Juni 1974 gemeint hatte. Man bewohnt auch noch immer die feudale Villa.

Dany Dattel, Devisenkopf der Herstatt-Crew, sonnte sich vor der Festnahme an der See, er wohnte und lebte bei seinem betuchten Schwiegervater und wartet auf die Herausgabe seiner in Herstatts-Safes schlummernden Goldbarren im Wert von 3,5 Millionen Mark.

Bernhard Graf von der Goltz kam dank familiärer Bindungen beim Quandt-Konzern unter, der über die VARTA AG mit fünf Prozent bei Herstatt beteiligt war. Heinz Hedderich bezog bis vor kurzem noch Gehalt von den Herstatt-Liquidatoren. Wickel suchte Glück im Immobiliengeschäft, den beiden Brokern Arden und Blaeser erging es auch nicht schlecht.

Doch nun liegt die Zukunft der Devisen-Spieler in den Händen der Kölner Häscher, die offenbar gute Arbeit geleistet haben. Per Computer und mit einem ausgetüftelten, in diesem Stil erstmals erprobten Programm wurde jeder Bankbeleg bis in den letzten Winkel der breitgestreuten Banckonten verfolgt und durchleuchtet. Der Trick, mit dem Devisengewinne den Spekulanten gutgeschrieben wurde, Verluste aber der Bank, ist nach Bekundungen der Kölner Staatsanwälte entlarvt.

Wolfgang Hoffmann