Von Kurt Sontheimer

Eines der wichtigsten Ziele der Bildungspolitik des letzten Jahrzehnts war die Verbesserung der Chancengleichheit zwischen den Individuen. Es kann, ungeachtet der Ernüchterung über die Bildungsreformen, nicht geleugnet werden, daß dabei beachtliche Fortschritte erzielt worden sind, auch wenn es sich als unmöglich erwies, eine volle Chancengleichheit zu realisieren.

Wer auf einer absoluten Chancengleichheit besteht, der muß früher oder später dazu übergehen, die Lebensbedingungen aller Menschen einer Gesellschaft so weit anzugleichen, daß die materiellen Startchancen für jeden Bürger tatsächlich einigermaßen gleich sind. Freie Gesellschaften können zur Verwirklichung des Prinzips individueller Chancengleichheit nicht viel mehr tun, als jedem Bürger das gleiche Recht auf Bildung und Ausbildung zu gewährleisten. Sie schaffen durch die Förderung Minderbemittelter, durch Stipendien und andere soziale Leistungen die formalen Voraussetzungen für einen chancengleichen Zugang zum Bildungssystem.

Innerhalb des Bildungssystems selbst hängt es dann im wesentlichen von der Fähigkeit und dem Willen des einzelnen ab, wie er die ihm gebotene gleiche Chance auf Bildung wahrnimmt. Chancengleichheit bedeutet also, daß niemand wegen fehlender finanzieller Mittel oder wegen der Lage seines Wohnorts oder aus anderen Gründen dazu verurteilt sein soll, nicht die seinen Fähigkeiten und Wünschen entsprechenden allgemeinen Ausbildungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können.

Das Prinzip der Chancengleichheit gilt indes nicht allein für den Zugang zum Bildungssystem, sondern auch für die Chance, innerhalb diesesdifferenzierten Systems von Bildungsinstitutionen jeweils Übergänge zu finden, die es erlauben, schließlich bis zu den höchsten Bildungsgängen auf den Universitäten vorzudringen.

Die Bildungsreformen der letzten Jahre hatten in der Tat vielfältige neue Möglichkeiten des Übergangs auf die Universitäten geschaffen und damit neben einer stetig wachsenden Zahl von Abiturienten auch solchen Schülern die Chance auf eine akademische Ausbildung eröffnet, die nicht die Ochsentour des Gymnasiums durchlaufen, sondern sich über eine der zahlreichen Fachhochschulen für das Hochschulstudium qualifiziert hatten. Diese Chance soll nun nach dem Willen der Kultusminister stark eingeschränkt werden. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Johannes Rau hat die Einengung der Möglichkeiten des Übergangs von der Fachhochschule zur Universität mit dem bemerkenswerten Satz begründet: "Gegenwärtig ist die Chancengleichheit der Generationen ein weitaus größeres Problem als die Chancengleichheit des einzelnen."

Die Übertragung des bisher stets auf Individuen bezogenen Grundsatzes der Chancengleichheit auf ganze Generationen erscheint zunächst verblüffend. Aber der Gedanke ist so abwegig nicht, wie er erscheint. Nehmen wir einige aktuelle Beispiele: Es ist bekannt, daß die Zahl der festen Stellen an Hochschulen und Universitäten sich auf Grund der enormen Expansion der Universitäten seit 1960 etwa vervierfacht hat. Da jedoch kaum Aussichten bestehen, die Zahl der Planstellen in Zukunft weiter zu vermehren, und da andererseits die Mehrzahl der im Hochschulbereich tätigen Professoren und Dozenten heute unter 45 Jahren sind, bedeutet dies, daß der wissenschaftliche Nachwuchs für mindestens zwanzig Jahre kaum Chancen hat, angemessene Tätigkeiten in Lehre und Forschung zu finden. Dies kann nicht nur zu einer bedenklichen Auszehrung der wissenschaftlichen Qualität von Forschung und Lehre führen, es bedeutet effektiv, daß die Chancen der heute Fünfzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen, eine ihren Fähigkeiten angemessene Stellung in Forschung und Lehre zu finden, gegenüber der vorausgegangenen Generation der heute Dreißig- bis Vierzigjährigen drastisch vermindert worden sind.