Die Besetzung von Betrieben ist ein beliebtes Instrument des Arbeitskampfes geworden

Es war ein ungewohntes Bild für die sommerlichen Paris-Touristen. Vor dem Vier-Sterne-Hotel Louvre-Concorde saßen Streikposten und erklärten den Passanten, warum in den 238 Zimmern des Hotelpalastes kein Platz für Gäste war: Die Belegschaft hielt das Haus besetzt, um ihre Lohnforderungen durchzudrücken.

Dieses Beispiel ist nur eines unter vielen für ein immer beliebteres Mittel sozialer Auseinandersetzung in Frankreich: die Betriebsbesetzung. In diesem Sommer sind rund siebzig französische Betriebe, überwiegend Fabriken, fest in der Hand von Arbeitern und Angestellten. Das gilt für Paris ebenso wie für die Provinz. Vor allem Klein- und Mittelbetriebe der unterschiedlichsten Branchen sind betroffen.

Am längsten haben bisher die 270 Mitarbeiter der Chemiewerke Amisol in Clermont-Ferrand ausgehalten. Sie. wehren sich seit bald zwanzig Monaten gegen die Schließung ihres Unternehmens, indem sie die Produktionsanlagen instandhalten und sich nicht aus ihrer Fabrik vertreiben lassen.

Ganz so neu, wie es oft scheint, ist diese Methode des "aktiven Streiks" allerdings nicht. Schon 1936, als im Zeichen der Volksfront Frankreich von sozialen Konflikten geschüttelt wurde, besetzten Arbeiter rund neuntausend Fabriken. Auch während der Mai-Unruhen 1968 wurde ein langer Generalstreik von zahlreichen Fabrikbesetzungen begleitet, um in erster Linie die Lohnforderungen zu unterstreichen.

Internationales Aufsehen erregte die Okkupationstaktik allerdings durch den Kampf um die Uhrenfabrik Lip in der ostfranzösischen Stadt Besançon. Um die Firma vor der Welte zu retten, produzierten die Arbeiter trotz Verbot in dem vom Eigentümer geschlossenen Werk weiter. Vor genau zwei Jahren, im August 1974, setzte dann ein starkes Polizeiaufgebot der Aktion ein gewaltsames Ende.

Was bei Lip noch eine spontane Entscheidung war, hinter der das Engagement und der Stolz der Uhrmacher standen, ist mittlerweile zu einem ganz gezielt eingesetzten Instrument gewerkschaftlichen Kampfmaßnahmen geworden. Heute werden in aller Regel die Arbeiterzentralen in Paris konsultiert, bevor unzufriedene Arbeitnehmer von den Produktionsanlagen Besitz ergreifen. Und nicht selten raten die Funktionäre ihren Leuten vor Ort ab, wenn sie keine reelle Erfolgschance sehen.