Prinz Bernhard und die Moral der Mächtigen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Als Kaiser Karl V., in dessen weltumspannenden Reich die Sonne nicht unterging, hinterbracht wurde, daß sich eine seiner Töchter in irgendeinen Prinzen verliebt hatte, rief er zornig aus: "Was heißt das – man sorge dafür, daß sie ihrer Pflichten eingedenk sei!" Ihrer Pflicht eingedenk zu sein, das hieß in jener Zeit dynastischer Erbfolgepolitik: Nicht Gefühlen nachzugeben, sondern für die große Politik zur Verfügung zu stehen, also durch Heirat alte Fehden zu begraben oder den Grundstein für neue Allianzen zu legen.

So "unmenschlich" ist man heute nicht mehr. Die wenigen Monarchien, die es noch gibt, sind parlamentarische Monarchien, in denen die Verfassung den Monarchen meist nur noch die repräsentativen Pflichten eines Staatsoberhauptes zumißt. Und doch ist für viele Menschen ein erbliches Staatsoberhaupt auch heute noch etwas qualitativ anderes als ein gewählter Staatschef.

Besonders deutlich wird dies, wenn man die erbliche Monarchie mit der Bundesrepublik vergleicht, die ja eines Tages wie Neuland aus dem Meer der Geschichte aufgetaucht ist. Als Heuss am 12. September 1949 zum ersten Präsidenten der Bundesrepublik gewählt wurde, sagte er in seiner Ansprache: "Mir scheint, daß dieses Amt, in das ich gestellt bin, den Sinn hat, über den Kämpfen, die kommen, die nötig sind, die ein Stück des politischen Lebens darstellen, nun als ausgleichende Kraft vorhanden zu sein. Was ist denn das Amt des Präsidenten der Deutschen Bundesrepublik? Bis jetzt ist es ein Paragraphengespinst gewesen. Von dieser Stunde an wird es mit Menschentum gefüllt. Die Frage ist nun, wie wir, wir alle zusammen, aus diesem Amt etwas wie eine Tradition, etwas wie eine Kraft machen, die Maß und Gewicht besitzen und im politischen Kräftespiel sich selber darstellen will."

Wie anders die erbliche Monarchie. Ihre Tradition geht zurück in frühgeschichtliche Zeiten. Die Kaiser und Könige nannten sich "von Gottes Gnaden". Nicht nur in ihrer eigenen, auch in der Vorstellung ihrer Völker wurzelte ihre Autorität im Mythos. Noch im 18. Jahrhundert schrieb man den französischen Königen die Fähigkeit zu, Krankheiten heilen zu können. Die Motivation monarchischer Herrschaft ist also traditioneller und religiöser Natur.

Auch wenn man in unserer aufgeklärten, versachlichten Zeit davon nichts mehr weiß, weil es heute der Volkswille ist, der die Quelle der Macht darstellt, ein König also nur noch von Volkes Gnaden existiert, ist doch etwas von jener Tradition hängengeblieben. Es ist augenfällig, wieviel mehr Resonanz die Personifizierung der Nation durch einen Monarchen hervorruft als durch einen Präsidenten, von dem man weiß, daß er in wenigen Jahren durch einen anderen abgelöst werden wird. Der Monarch dagegen regt noch immer die Phantasie vieler Bürger an. Seine Herkunft und sein Dasein wirken geheimnisvoll, erwecken Neugier – darum sind Prinzen und Prinzessinen ein so beliebtes Objekt der Illustrierten. Es ist ein bißchen wie mit dem Gold, dessen Wert im Grunde nur noch durch Zahnärzte und Juweliere bestimmt wird und dem dennoch, auch heute noch, eine mythische Wertschätzung entgegengebracht wird, die tagtäglich mit den strengen Maßstäben der Börse gemessen wird.