Wie Deutschlands größter Papierkonzern eine 200-Millionen-Mark-Fabrik an sich reißen will

Der Stolz auf ihre fast fertige Fabrik machte die Erbauer redselig. "Dem Laien mag das neue Werk in Witzenhausen schon ganz und gar vollendet scheinen", verkündete vor einem Jahr die PWA Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg AG im Verein mit dem Finanzier der Fabrik, der Centrum Finance aus Frankfurt. "Der Fachmann hingegen weiß um die tausend Probleme", so "PWA & Partner" weiter, "die der Bau eines ganzen Werkes auf der grünen Wiese mit sich bringt."

Ein Jahr später ist das inzwischen größte Problem des neuen Werkes im nordhessischen Witzenhausen auch Laien zugänglich: Der Starlight Fluting Halbzellstoff-Fabrik AG & Co. mangelt es an Liquidität, genauer: an rund zwanzig Millionen Mark kurzfristig verfügbarem Geld. Am Mittwoch vergangener Woche ließ die PWA, durch einen Betriebsüberlassungsvertrag in Witzenhausen seit Anfang August voll im wirtschaftlichen Risiko, für die Starlight Fluting Vergleich anmelden. Erklärtes Motiv: Zeit zu gewinnen für die Sanierung des Unternehmens.

Der Vergleichsantrag für die größte Wellpappenpapier-Fabrik Europas – gestellt von der Starlight-Komplementärin Halbzellstoff-Fabrik AG in Zollikon bei Zürich, an der wiederum die PWA über eine Tochtergesellschaft in Chur zu drei Vierteln beteiligt ist – ist die bisher letzte Aktion im Pokerspiel der PWA um Starlight Fluting. Der größte deutsche Papierkonzern (Umsatz: fast 1,2 Milliarden Mark) muß und will nämlich nicht nur das notleidend gewordene Werk in Witzenhausen sanieren. Er möchte dabei auch die Starlight Fluting ganz an sich reißen. "Die PWA", so ein Insider, "will die zweitausend Kommanditisten einfach ausbooten."

Die Gelegenheit dazu verschaffte dem Papierriesen die Bedächtigkeit hessischer Baubehörden. Zu der 200 Millionen Mark teuren Fabrik für Fluting (Vorprodukt für Wellpappe) sollte nach der PWA-Planung in Witzenhausen ein Werk für Halbzellstoff kommen und damit der teure Fluting-Rohstoff Altpapier überflüssig werden. Doch die zuständigen Behörden haben, vor allem mit gesalzenen Umweltschutzauflagen, die Baupläne für diese Halbzellstoffanlage bisher um mehr als ein Jahr verzögert. Seit Juli gibt sich deshalb die PWA nervös: Obwohl sie das jetzt gerade ein Jahr lang arbeitende Fluting-Werk für zwei Jahre mit Altpapiereinsatz kalkuliert hat, will sie nun die Fabrik finanziell so entlastet sehen, daß sie auch ohne Halbzellstoff rentabel arbeitet.

Dank der verzwickten Kapitalstruktur der Starlight Fluting Halbzellstoff-Fabrik AG & Co. kann bei ihrem Wunsch nach Entsatz die PWA gleich mit zwei Partnern pokern: mit dem Land Hessen und seiner Landesbank sowie mit einer Gemeinschaft von rund 2000 Kommanditisten. Denn vor allem mit dem Gelde dieser beiden Gruppierungen hatte die Ameropa Investitions AG in Zollikon – hinter der wiederum der Vaduzer Kaufmann Peter Saile und der Schweizer Geldmann Dieter K. Sigg stehen – in einem gewagten Balanceakt die Großinvestition am Zonenrand finanziert.

Zu den zwanzig Millionen Mark Investitionszuschüssen vom Land Hessen – das für die Wellpappenpapier-Fabrik zudem eine (beim Bund halb rückversicherte) Bürgschaft von 25 Millionen Mark gab – hat die Hessische Landesbank – Girozentrale (Helaba) bei der Starlight Fluting noch rund 85 Millionen Mark langfristige Kredite nachgeschoben. Und von der andern Seite schleuste eine Cura Treukapital GmbH 91,5 Millionen Mark von rund 2000 privaten Geldgebern in die nordhessische Wellpappenpapier-Fabrik. Dieses Kommanditkapital hatte die Frankfurter Ameropa-Tochter Centrum Finance bei Zahnärzten und Apothekern, Rechtsanwälten und anderen Großverdienern mit der Verheißung steuerlicher Verlustzuweisung bzw. Sonderabschreibungen und einer späteren Ausschüttung von 8,5 Prozent eingesammelt.