Von Nina Grunenberg

Die erste Runde ging an die CDU. Daß sich die SPD noch nicht warmgelaufen hatte, zeigte schon die schlechte Laune im Bonner Hauptquartier der Sozialdemokraten. Wahlkampfchef Holger Börner und seine Gehilfen schoben den verzögerten Start auf die Medien und mokierten sich über Elisabeth Noelle-Neumann, die mit ihren Meinungsumfragen zugunsten der CDU die Öffentlichkeit in die Irre führe.

Dem Zorn im Erich-Ollenhauer-Haus entsprach Zuversicht im Konrad-Adenauer-Haus schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Auf dem Empfang, den Helmut Kohl am Mittwoch letzter Woche für Eugen Gerstenmaier gab – zum 70. Geburtstag des ehemaligen Parlamentspräsidenten und zum Zeichen der Vergebung aller Sünden –, erzählten die CDU-Politiker einander von ihren Wahlkampfveranstaltungen, als hätten sie den Weihnachtsmann gesehen. Von den Besucherzahlen, die sie jetzt haben, hätten sie 1972 nicht zu träumen gewagt. Zu Oberstudiendirektor Hugo Hammanns, Mitglied des Bundestages auf der Hinterbank, waren auf dem Dorfe 460 Damen zum Kaffeekränzchen gekommen – "zu mir kleinem Abgeordneten". Aber das war nichts im Vergleich zu Helmut Kohl, der seinen Überschwang auf dem Gerstenmaier-Empfang nur schlecht zügeln konnte. In drei Tagen hatte er zu 60 000 Menschen gesprochen, allein in Frankfurt zu 17 000, in Aachen zu 11 000 – zu Menschen, die ihm nicht nur zuhören, sondern ihn auch anfassen wollten.

So sicher wie das Amen in der Kirche lautet der Refrain auf solche Erzählungen bei der CDU: "So was hat es seit Konrad Adenauer nicht mehr gegeben." Aber am letzten Montagabend, als Kohl vor annähernd 5000 Menschen in der Recklinghausener Vestland-Halle sprach, stimmte auch das nicht mehr. Angesichts einer Menge, die in "Helmut-Helmut"-Rufe ausbrach, vor all den in Verzückung geratenen alten Damen, die auf Stühle und Tische sprangen, sagte ein örtlicher, vom harten SPD-Pflaster im Ruhrgebiet nicht verwöhnter CDU-Politiker bewegt: "So was haben wir auch unter Konrad Adenauer nicht gehabt."

Auf "norddeutsch versaute Intellektuelle" – wie der CDU-Kanzlerkandidat mit schwerem Spott zu sagen pflegt – können es da noch mit Egon Bahr halten. In Flensburg, auf der ersten Wahlkampfveranstaltung Helmut Schmidts, rief Bahr ins Publikum: "Die Alternative zwischen Helmut Schmidt und Helmut Kohl ist die Alternative zwischen Können und Wollen." Die Tausende, die dem CDU-Kanzlerkandidaten zujubeln, sehen das offenbar anders. In ihren Augen kann auch Kohl. Und das überrascht selbst CDU-Leute.

Sie denken immer noch an den Wahlkampf ’72 zurück, als ihnen der Wind ins Gesicht blies. Nach dem Mißtrauensvotum gegen Willy Brandt vom Publikum als Verräter gescholten, mußten sie mit ansehen, wie die Sozial-Liberalen mit Rückenwind auf und davon zogen. Daß sich das Klima in den letzten vier Jahren geändert hat, ist für sie eine ebenso große Überraschung wie für ihre politischen Gegner. "In diesem Wahlkampf werden wir angenommen", sagt CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf, "und nicht mehr glatt abgelehnt. Ein CDU-Mann bekommt keine Prügel mehr angedroht, wenn er im Ruhrgebiet auftaucht. Die Bevölkerung gibt der CDU die Chance, sich vorzustellen, das Publikum verweigert den Dialog nicht mehr. Die ständige Verweigerung bedeutete 1972 eine ungeheure Kraftanstrengung, jetzt trägt der Enthusiasmus jeden."

Und obenauf schwimmt Helmut Kohl. "Wer seine Zuversicht begreifen will", sagt ein Mitarbeiter von ihm, "darf nicht vergessen, wo er angefangen hat, als er vor zwei Jahren zum Kanzlerkandidaten gewählt wurde – von der Partei mehr ertragen als erwünscht, von Strauß öffentlich zerfetzt und mit der Aussicht, eine Partei zu führen, die bis zum Beginn der achtziger Jahre keine erste Geige mehr auf der politischen Bühne spielen würde." So lauteten die Analysen nach dem Desaster von ’72.