Obwohl sich Großbritannien allmählich von der Rezession erholt, nimmt die Arbeitslosigkeit immer noch zu: Die Kritik der Gewerkschaften an der Regierung wird härter.

Großbritannien hat in diesem Sommer die höchste Arbeitslosigkeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Mitte August waren 1 501 976 Briten, darunter 230 000 Schulabgänger, als arbeitslos gemeldet – rund 6,4 Prozent der Beschäftigten. Über die letzten zwölf Monate ist die englische Arbeitslosenquote um monatlich 0,1 Prozent gestiegen.

Die meisten Konjunkturbeobachter nehmen an, daß damit der Höhepunkt der britischen Arbeitslosigkeit erreicht ist oder doch wenigstens dicht bevorsteht. Aber fast alle sind auch der Meinung, daß der Umschwung nur langsam einsetzen und die Arbeitslosigkeit noch für lange Zeit sehr hoch bleiben wird.

Die britischen Gewerkschaften, deren Jahreskongreß am nächsten Montag im südenglischen Seebad Brighton beginnt, haben bisher auf die steigende Arbeitslosigkeit vergleichsweise milde reagiert. Ihre Sprecher lassen zwar der monatlichen Veröffentlichung der Ziffern regelmäßig die rituelle Verurteilung folgen, deren Ton jeweils mit dem Ausmaße der Verschlechterung variiert. Aber sie haben ihre Kritik bisher nicht mit Protestationen und Demonstrationen unterstützt und die Labourregierung geschont, die von ihnen noch einmal Lohndisziplin bis wenigstens Mitte 1977 erwartet.

Die steigende Arbeitslosigkeit setzt das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Regierung indes unter wachsenden Druck. Zwar hat sich die britische Inflationsrate auf etwa dreizehn Prozent fast halbiert, was von vielen als ein Ergebnis der Lohnkontrollen interpretiert wird. Aber dafür sind jetzt fast eine halbe Million Menschen mehr arbeitslos als noch vor einem Jahr. Initiatoren und Freunde des sogenannten Sozialvertrages im Gewerkschaftslager beginnen deshalb, nun schärfere Töne anzuschlagen. Sie wollen damit die Kritik aus den eigenen Reihen auffangen.

Die Funktionäre des gewerkschaftlichen Establishments präsentierten bisher keine neuen Vorschläge für eine rasche und spürbare Senkung der Arbeitslosigkeit. Sie glauben aber, daß sie einige gute alte Ideen haben, die jetzt Premierminister Callaghan und seinen Ministern mit größerem Nachdruck aufgedrängt werden müßten. Ihre Denkmodelle reichen von der Einführung selektiver Einfuhrkontrollen über die Beschränkung des Kapitalexports bis hin zu zusätzlichen Investitionen und Arbeitsbeschaffungs-Programmen des Staates,

Solche Forderungen werden auch obenan stehen, wenn sich die Delegierten des Gewerkschaftsbundes Anfang nächster Woche in Brighton versammeln. Die Regierung wird außerdem wohl hören müssen, daß zwei Jahre Lohnkontrollen genug sind und im nächsten Jahr die Rückkehr zur freien Aushandlung der Löhne beginnen müsse.

Das Kabinett Callaghan indes beharrt darauf, daß zunächst einmal die Inflationsrate auf das Niveau der wichtigsten internationalen Wettbewerbsländer heruntergebracht werden müsse. Ein Boom der britischen Binnennachfrage, so das Argument der Regierung, würde außerdem das Pfund in Gefahr bringen. wkr