Von Jörg Drews

Irgendwo in dieser mit drive vorgetragenen Suada, diesem Prosakonstrukt, dieser Komposition aus den Abschnitten eines Enzephalogramms schreibt Geerken: "Orient & okzident sind nicht mehr zu trennen was dümmeres hat unser hauspatron nie geschrieben ." Na gut, er muß es wissen, als einer, der am Goethe-Institut in Kabul arbeitet, aus Deutschland stammt und vorher in Kairo war. Aber sein ganzes Buch handelt doch davon, daß Orient und Okzident zumindest in seiner Person nicht zu trennen sind. Zwar, er verbietet sich natürlich Sätze von pompöser Weisheit, wie sie der steifhosige Geheimrath niederschrieb, aber wie ein Mitteleuropäer, ein Westler, ein Spät-Beatnik, ein Halb-Freak, ein Viertelskonkreterpoet aufgeht, dazugewinnt, innerlich expandiert, wenn er sich nicht bloß in Goethe-Institut-Dozentenkreisen bewegt, sondern sich auf die Landschaft und die Leute auf dem Dach der Welt in Afghanistan und am Fuß des Himalaja in Indien einläßt, sich zwischen West und Ost zerreißen läßt, davon spricht er permanent in seinem Buch –

Hartmut Geerken: "Obduktionsprotokoll", verlegt in den Weingärten 13 bei Klaus Ramm in Lichtenberg (Odenwald), 1976; 199 S., 25,– DM.

Das ist vielleicht das intensivste Gefühl bei der Lektüre seines Buches: daß hier einer die Kraft und die Vorbehaltlosigkeit hat, intensiv sich Erfahrungen auszusetzen, Erfahrungen zu machen im Umgang mit Indern, Ägyptern, Afghanen.

Was er aufschreibt, erschöpft sich aber nicht im Bericht über einen mittelöstlichen Trip; vielmehr zieht er alle Schauplätze in einen zusammen, in seinen Kopf nämlich. Die fast zweihundert Seiten kleingeschriebener, interpunktionsloser Prosa beziehen ihre Spannung daraus, daß sie das Gehirnprotokoll, den inneren Monolog in Geerkens Schädel nachkonstruieren, die zersplitterten Kontinuitäten und die doch zu einem Fortgang sich zusammenfügenden Fragmente seines Wahrnehmens, Denkens, Sicherinnerns, Zitierens, Schreibens an einem Tisch in Kabul, mit Briefen aus Europa, Reisen in den geheimnisvollen Hunza-Staat, Erinnerungen an Trips auf Flügeln des Jazz und an Trips, die man – Geerken versichert es bisweilen eine Spur zu penetrant – zu zweit mit den eigenen Körpern veranstalten kann (Motto: Nicht einmal fliegen ist schöner). Er bündelt Erfahrungen so intensiv, er packt so aus, er fährt so ab, daß einem dagegen ein Großteil der, Neuen Sensibilität und Subjektivität dünnblütig, feinsinnig und parfümiert vorkommt.

Er braucht auch gar nicht lange auf nuancierte Regungen in sich zu lauschen, Erlebnisse subtil zu zergliedern; vielmehr scheint er nur in sich hineinlangen zu brauchen, und schon bordet alles über von Begeisterung und Irresein, von Verzückung und Staunen und Gelächter, und manchmal läuft auch ein bißchen Bramarbasieren mit unter, aber was macht’s. Verschiedene Schichten und Zeitebenen von Erleben und Erinnern und Lesen und Hören steigen ins Bewußtsein, und Geerken setzt alles abschnittweise und manchmal auch seitenweise ohne Markierung der Übergänge in einem assoziierenden oder montierenden Sprach-Fluß aneinander; da gibt es Brieffetzen und Texte aus einer Rundfunksendung, Zitate aus altväterlichen Pilzbüchern, Sagen aus ägyptischer und indischer Mythologie, Fragebogen zu Sexualgewohnheiten und Bruchstücke aus einem Obduktionsprotokoll.

Nach und nach stellt sich doch das Bild eines Bewußtseins her, der Umriß eines spezifischen Lebens. Es soll garnicht verschwiegen werden, daß das Eindringen in das Buch zunächst schwer erscheint, denn der scheinbar unaufhaltsame, übergangslose Sturzbach macht doch zuerst einen sehr massiven, geschlossenen Eindruck. Aber wenn man den lesenden Kopf mal in den Strom hineingesteckt hat, ergreift einen der Sog, der so Divergentes und Exotisches mit sich führt; die Fetzen ergänzen sich, die Bruchstücke schießen zusammen. Eigentlich ist die Lektüre des Buches von Anfang bis Ende nur eine Möglichkeit, man kann fast ebenso gut irgendwo anfangen und dann irgendwie und irgendwo weitermachen (bei Lesungen zieht Geerken die Konsequenz daraus und läßt sich von den Zuhörern Seitenzahlen zurufen: die liest er dann vor. Und das funktioniert!). Und nirgends sind Ich-fremde Materialien in dieser Montage, immer haben sie nachdrücklichen Bezug auf das schreibende Ich, bilden ein halbchaotisches Environment, die Innenansichten von Geerkens Kopf.