Zyniker bezeichneten die Programme gern als "Blindenfernsehen" oder "Sendungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit". Ihre Produzenten, die Redakteure, Realisatoren, Regisseure und Autoren, litten stets unter einem zwar umstrittenen, aber dennoch immer wieder fasziniert und eifersüchtig beobachteten Verfahren, welches ihnen über die sogenannten Einschaltquoten jeweils bestätigte, daß ihre Produktionen ein Zuschauerinteresse hervorriefen, das allenfalls in Dezimalen hinter dem Komma zu notieren war. Die Dritten Fernsehprogramme galten lange als die Hinterhöfe im komplizierten Gebäude der elektronischen Medien. Auch dort ziemte es sich nicht, mit den Schmuddelkindern zu spielen.

Im Süden, Südwesten und Westen der Republik kamen die Verantwortlichen zuerst auf den neuen Trichter; nun zieht, mit Beginn der Wintersaison, auch die Nordkette von NDR, Radio Bremen und Sender Freies Berlin nach. "Leute, werdet unterhaltsam!" heißt die Devise, die einen neuen Publikums-Boom bewirken und damit auch das ramponierte Selbstbewußtsein der Macher wieder aufrichten und polieren soll.

"Die an einigen. Stellen verstärkte Unterhaltung", sagt Friedrich Wilhelm Räuker, Programmdirektor beim NDR, "und die damit verbundene popularisierende Tendenz haben primär das Ziel, die dem Grundcharakter des Dritten Programms gemäßen informativen und bildenden Sendungen insgesamt in eine bessere Position gegenüber dem Zuschauer zu bringen."

Das sieht im einzelnen so aus, daß in das neue Schema an den Werktagen jeweils im Anschluß an die Tagesschau eine – wie die Programm-Strukturierer sagen – "Unterhaltungsfarbe" eingebaut wird: montags ein selbstgemachter Dreiviertelstunden-Krimi; dienstags "Extra drei", ein aktuelles Wochenschau-Magazin; mittwochs der "Film-Club"; donnerstags im Wechsel Dokumentar-Serien und Abenteuer-Features; freitags "Musik in III.", das heißt unterhaltsame Klassik.

Diesen Sendungen soll ein "Lokomotiv-Effekt" zukommen. Denn auch für die Dritten Programme könnte ja gelten, was für die beiden Gemeinschaftsprogramme von ARD und ZDF ermittelt wurde: Die Fernseher sind träger geworden, sie wechseln den Kanal seltener. Also, lautet die Spekulation der Strukturwandler: von den Zuschauern, die wir mit leichter Kost einmal auf unser Programm geholt haben, bleiben eine Menge hängen, und ihnen werden wir mit fortschreitendem Abend immer Anspruchsvolleres anbieten.

Die Überlegungen verraten einiges Raffinement. Denn in der Tat: wer demnächst das etwas nuanciertere, das früher einmal auf Minderheiten ausgerichtete, mit dem pejorativen Suffix "Bildung" hämisch abqualifizierte Programm im norddeutschen Dritten sehen möchte, kann sich Zeit lassen – wenn überhaupt noch, reicht es, gegen 21.45 Uhr umzuschalten.

Umgekehrt wird die Reform übrigens ihren Effekt nicht verfehlen: Die politischen Montags-Magazine "Panorama" wie "Report" etwa werden sich für die kollegiale Unterstützung durch den Kurzkrimi im Dritten bedanken.