Von Elisabeth Noelle-Neumann

Mit 1972 wird sich so bald kein Wahlkampf mehr vergleichen lassen. Mit seiner knisternden Erregung, mit der Hochstimmung wie bei einem großen Fußballspiel. Alle Trümpfe lagen auf einer Seite.

Ganz ungleich standen sich gegenüber die Kanzlerkandidaten: Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt, für die Jungwähler das erste glückliche Erlebnis rückhaltloser Bewunderung eines politischen Führers; und Rainer Barzel mit einem bis heute unerklärten Handikap von Abneigung der Bevölkerung gegen sich, 41 Prozent "Gute Meinung", 46 Prozent "Keine gute Meinung". Für die SPD und FDP sprach die gute Sache, Versöhnung mit dem Osten und soziale Gerechtigkeit, für die CDU/CSU nüchterne Wirtschaftsfragen; bei der SPD und FDP lag die Sympathie der Journalisten: Über 70 Prozent der Zeitungsredakteure erklärten sich bei einer Allensbacher Umfrage als Anhänger von SPD und FDP. Das .Meinungsklima, die öffentliche Meinung gehörte der SPD.

Von wem sah man am meisten Abzeichen? Autoaufkleber? 9 Prozent: "Von der CDU/CSU", 53 Prozent: "Von der SPD". Wer setzte sich persönlich am stärksten ein? 8 Prozent: "CDU/CSU-Anhänger", 44 Prozent: "SPD-Anhänger". Wer war besser bei Straßendiskussionen? "Da war die CDU/CSU besser": 5 Prozent, "da war die SPD besser": 20 Prozent. Das waren Allensbacher Umfrageergebnisse unmittelbar nach der Wahl 1972. Nach Anhängerzahlen mit der SPD praktisch gleich stark, waren die CDU-Anhänger – anders mit der CSU in Bayern – nicht zu sehen und nicht zu hören.

Im Jahre 1972 – und auch schon bei der Bundestagswahl 1969 – schienen alle Menschen wie von einem Fieber ergriffen. 50 Prozent erklärten, sich für Politik zu interessieren. Man muß sich erinnern: Zwischen 1950 und 1965 hatten die Frage: "Interessieren Sie sich für Politik?" nur 10 bis 25 Prozent bejaht.

Die gewohnten politischen Verwurzelungen lockerten sich – 1969 sagten 24 Prozent der Wähler und 1972 sogar 34 Prozent, sie "wechselten manchmal ab", wählten nicht immer die gleiche Partei. Zwischen 1950 und 1965 war an so etwas gar nicht zu denken gewesen. Als "Wechselwähler" verstanden sich selbst in dieser Zeit nur 15 bis 20 Prozent.

Das allgegenwärtige politische Interesse erklärten wir damals mit der Ausbreitung des Fernsehens. Wir dachten, es werde jetzt bei jeder Bundestagswahl solch ein Fieber ausbrechen, solch eine missionarische Stimmung, solch ein Konformitätsdruck. Das ist das erste, was wir schon jetzt im Bundestagswahlkampf 1976 gelernt haben: Auch in der Fernseh-Ära steigt politisches Interesse nicht ständig weiter an. Leute, die 1972 sagten: "Ich wechsle manchmal ab", sagen plötzlich wieder: "Ich wähle immer die gleiche Partei." (Siehe Tabellen 1 und 2.)