Von Christian Schmidt-Häuer

Ein Wohlstandsbürger kehrt den behaarten Schmerbauch heraus, die Züge verzerrt von wurstig aufgesetztem Selbstbewußtsein. Die barbusige Freundin ringt sich einen verschleierten Blick ab. Nebenan balanciert eine vollschlanke Mittvierzigerin ihren monströsen Glockenhut in der Enge der guten Stube. Vors Fernsehen hingegossen liegt ein ganzer Familienverband: Der Intellektuelle Mitgefangener verschränkt kapitulierend die Arme. Stofftiere und Ikonen zieren die Wände, Hündchen und Pantoffeln den Teppich.

Natta Konyschewas Familienporträts (1974–1976), die den neuen Menschen in doppeltem Sinne gefesselt zeigen von kleinbürgerlicher Idylle, waren bis zum Montag dieser Woche im Hause des Moskauer Künstlerverbandes zu sehen. Zum erstenmal konnten dort zwölf Nonkonformisten ausstellen – 158 Bilder, zehn Tage lang. Über ein Jahr hatten die Vorgespräche gedauert, 39 Werke durften am Ende nicht in die heiligen Hallen des Sozialistischen Realismus, weil sie den Kulturbeamten zu frivol und/oder zu erotisch erschienen.

Dafür haben sich die Zensoren nun nicht mehr live eingeschaltet und Bilder während der Ausstellung umgedreht – wie vor Jahresfrist bei der von Miliz umstellten Kunstschau im Moskauer Messegelände. Vor dem Haus in der Bjegowaja Nummer 9 spazierten zumeist nur zwei Uniformierte. Das ungewohnte Bild vervollständigte eine Art Kummerkasten gleich hinterm Eingang. Der Künstlerverband erbat schriftliche Diskussionsbeiträge, ohne Namen, aber mit Berufsangabe; die Moskauer, die wieder zu Tausenden in diese öffentlich nicht angekündigte Schau strömten, gaben auch mündlich unbefangene Kommentare ab. Kopfschüttelnd zählten zwei ältere Damen die trivialen Fabrikate eines amateurhaften Pop-Imitators: "1–2–3–4–5 Petroleumkocher – was will er denn damit?"

Auch in dieser Ausstellung überwogen jene Nonkonformisten, die westliche Stilrichtungen nachzuahmen versuchen und den Sozialistischen Realismus weder in Bruchstücken noch als Mittel der Verfremdung einbeziehen. Odnoralow malt Schweinefleisch-Konserven Made in U.S.S.R., Kaviar, Deckel, Käseschachteln (finnischer Import): nicht sichtbar gemacht als populäre Mythen, sondern nett arrangiert mit Ikonen, Kreuzen, Puppengliedern und Illustrationen aus Trivialheftchen (die es in Moskau gar nicht gegeben hat und die so die beziehungslose Patenschaft von Max Ernst und Peter Blake verraten). Das sind gefällige Kompositionen eines schon klassischen Bildinventars, aber nicht jene Kombinationen des Unvereinbaren, aus denen die Surrealisten Witz, Spannung und Rätsel bezogen. Und der Pop-Art, die veranschaulichte, wie sehr die industriell fabrizierte Konsumwelt die Gestalt der Wirklichkeit übernommen hat, sind diese Bilder (und die Sowjetgesellschaft) noch so fern wie Warhols Pepsi-Kronenkorken der Lizenz-Pepsi vom Schwarzen Meer.

Viel eindrucksvoller sind da die Bemühungen jener Maler, die sich unprätentiös dem sowjetischen Alltag zuwenden (wie Natta Konyschewa) oder durch Präzision Atmosphäre schaffen (Leonid Berlins Brecht-Motive). Belenok läßt Menschenschlangen durch weiße Schichten ins Bodenlose stürzen, aufwärtsschießen wie aus einem Katapult oder hängenbleiben in der Luft. Er "vertuscht" die Collagen und führt gezielt die Täuschung herbei, als seien Bewegungsabläufe und anatomische Details mit geradezu aufdringlicher Genauigkeit gemalt. Seine Visionen erscheinen so auf beklemmende Weise der Realität näher als der Sozialistische Realismus mit seinen ungelenken, breit optimistischen Heroen, die sicheren Fußes unter roten Bannern ihrem nie in Frage gestellten Ziel zuschreiten.

Die Ausstellung im Künstlerverband war die fünfte offizielle Bilderschau in Moskau seit jenem denkwürdigen Sonntag im September 1974, als Planierraupen und Sprengwagen der Stadtverwaltung eine nicht angemeldete Freiluftausstellung Moskauer Künstler abräumten. Das weltweite Echo darauf belebte in Moskau die alte Angst, als "nje kulturnij", als barbarisch zu gelten – und diese Furcht führte zu einem Wandel der Taktik. Die Partei hat ihre veränderte Taktik seither nutzbringend anzuwenden gewußt. Die genehmigten Ausstellungen paßten genau in Moskaus rosa Collage von der prompten Erfüllung der Helsinki-Schlußakte.