Der neue Präsident des internationalen PEN, der dieses Jahr auch in Frankfurt die Buchmesse eröffnen wird, ist am 28. März vierzig Jahre alt geworden; berühmt ist er seit dreizehn Jahren.

Den – sehr bald internationalen – Erfolg hatte der Peruaner Vargas Llosa mit seinem zweiten Buch, dem Roman "Die Stadt und die Hunde" (1963), der, obgleich nicht autobiographisch, doch die Erfahrung von zwei Jahren in der Kadettenschule "Leoncio Prado" in Lima zur Grundlage hatte. Die "Hunde", das sind die Kadetten selber, die den demütigendsten Aufnahmeriten unterworfen werden. Der Tod eines Kadetten, die Enquete darüber und das Vertuschen ihres Ergebnisses ist das Hauptthema dieses Romans, dem die seltene Ehre widerfuhr, in Lima öffentlich verbrannt zu werden – Literatur interessiert dort die herrschenden Kreise sonst niemals in solchem Maß –, während die in Spanien gedruckte Ausgabe großen Erfolg hatte und in viele Sprachen übersetzt worden ist.

Zur Buchmesse wird ein Roman von 1969 erscheinen, "Conversaciones en la catedral" – wobei "Kathedrale" der Name einer Kneipe ist, in welcher dieser durch viele Rückblenden und Handlungsebenen recht komplexe Roman spielt, zu dessen Verständnis ein wenig Kenntnis der Geschichte des Peru von vor dreißig Jahren nützlich sein mag. Das zweibändige Werk erscheint deutsch in einem Band unter dem Titel "Die andere Seite des Lebens".

Zwei andere ins Deutsche übersetzte Romane von Vargas Llosa, "Das grüne Haus" und "Der Hauptmann und sein Frauenbataillon", haben mit Bordellen im Amazonasgebiet zu tun. Der kurze, von Kennern hochgeschätzte Roman "Los cachorros" (1968) – die Geschichte eines Jungen, den ein Hundebiß kastriert – ist nicht übersetzt worden.

Wie die meisten lateinamerikanischen Autoren dieser und auch der älteren Generation hat Vargas Llosa viele Jahre in Europa verbracht, namentlich in Paris, London, Barcelona, wo er seinem ebenfalls dort lebenden Ex-Freund García Márquez ein Buch gewidmet hat, das dessen Romane analysiert. Unter den essayistischen Werken ist am bedeutendsten ein Buch über Flauberts "Madame Bovary" von 1975, in welchem Vargas Llosa vielleicht mehr über sein eigenes Schreiben sagt als in den Essays und Gesprächen, die darüber reflektieren. Die Verbindung vielschichtiger Handlungsstränge bei Flaubert findet seine volle Bewunderung und zugleich die Art, in welcher "in einer kompakten Geschichte Rebellion, Gewalt, Melodrama und Sex" erscheinen. Mag der Romantizismus mit diesen Motiven auch Mißbrauch getrieben haben, sie gehören zur Wirklichkeit, zur Literatur und "zu meinen Wünschen".

Von Einflüssen, zwischen Musil und Michel Butor, ist bei diesem subtilen Kenner der Avantgarde oft geschrieben worden. Um so bemerkenswerter sein Bekenntnis: "Ich möchte die Distanz zwischen Leser und Erzähler aufheben, er soll nicht Richter oder Zeuge sein, sondern sein Leben soll mit dem Leben der Erzählung zusammenfallen, so daß dieses Leben von ihm erfahren wird."

Die Mehrzahl der Peruaner kann nicht lesen, ein großer Teil der übrigen mag nicht lesen. Das habe aber – so Vargas Llosa – seltsamerweise in Peru die Geburt "einer reichen, ehrgeizigen, totalen Literatur" nicht verhindern können.

Weit über Peru hinaus ist Mario Vargas Llosa einer der markantesten Schriftsteller dieser neuen, Engagement und Differenziertheit vereinenden Literatur. François Bondy