Von Wolfram Runkel

Nichts ist wirklich wichtig! Lassen Sie das Ihr Motto sein! Wir befreien Sie von Ihren Sorgen. Vergessen Sie die Stadt, den Job, den Druck! Sie sind frei. Sie können tun und lassen, was Sie wollen." Was sich da so anhört wie eine modische Gurubeschwörung ist zwar eine fernöstliche Lebensweisheit, eine tahitische nämlich, aber sie wird verbreitet von einem Europäer, einem Franzosen, Gilbert Trigano, Monsieur Club Méditerranée. Verbreitet als Rezept für glückliche Ferien.

Ganz kurz, was wichtig ist bei der Verwirklichung der "Nichts-ist-wirklich-wichtig-Ferien": Die "edlen Mitglieder" leben in einem von der Umwelt abgeschlossenen, speziell angefertigten "Dorf" in einfachen, praktischen, aber originellen Räumen, die man nicht abschließen kann, zahlen ihre Drinks (statt mit Geld) mit Perlen einer besonderen Halskette, dem einzigen Kleidungsstück außer einem Tuch, dem Pareo, den man auf mannigfache Weise um Hüften, Schultern, Brüste und andere Glieder knoten soll. Verboten ist – wie in einem Meditationskurs – die Benutzung von Telephon, Radio, TV, Zeitungen: Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Betreut wird man während des Tags (eventuell auch in der Nacht) von den 100 schönen, jungen "edlen Organisatoren", die einen mit Drinks, Speisen und sportlichen Aktivitäten und eventuell auch mit sich selbst versorgen.

Der Clubstil – inzwischen gibt es 70 Dörfer in aller Welt – hat in Deutschland ein extrem zwiespältiges Echo gefunden, gepriesen als die einzig mögliche, wahre, freie Urlaubswelt, geschmäht als elitärer Konsum-Klüngelclub.

Fest steht zunächst: Als "edles Mitglied" sind Sie etwas ganz besonderes, sind Sie geadelt, gehören zur Crème de la Crème der Urlauber. Reisen Sie mal mit M. Trigano! Sie reisen mit dem charmantesten (beim Frühstück Küßchen für alle Damenwangen), dem originellsten und dem potentesten Ferienmacher dieser Welt, mit dem Papst, nein, dem Gott der Reisenden, mit dem Hermes des 20. Jahrhunderts, mit dem Mann, der Linienmaschinen von der Linie ableiten, Flugpläne verändern, in der Economy-Class aus Wasser Wein, nein, Champagner machen kann. Auch ein Dionysos des 20. Jahrhunderts.

Also, los geht’s natürlich in Paris. Ziel Cancun, zu deutsch "Höhle der Schlangen", an der Ostküste der Yukatan-Halbinsel in Mexiko, ein Ort, den es vor fünf Jahren noch gar, nicht gab, wo keine Menschenseele wohnte; es war nur ein Dschungel mit Schlangen.

Heute ist Cancun eine Stadt mit 25 000 Einwohnern, elf Luxushotels mit 2000 Zimmern. Eine Kunststadt aus der Retorte, neueste Deviseneinnahmestelle, kurz: ein neues Urlauberparadies. Das neue Acapulco. Auf der Suche nach einem neuen Touristenzentrum erforschte ein Team von Wissenschaftlern Küstengebiete, berechnete Touristenströme und fütterte einen Computer, der die Lösung "Cancun" ausspuckte. 1984 sollen in Cancun 66 000 Menschen wohnen, sollen während einer Saison 455 700 Urlauber in 4750 Hotelzimmern Mexiko genießen.