Von Eka v. Merveldt

Mag es auch immer deutlicher werden, daß die Zeit der gebildeten Intellektualität zu Ende geht, und mag das Ideal des allseitig universal gebildeten Menschen, wie es der Bildungsbegriff Anfang des vorigen Jahrhunderts verstand, längst überholt sein, im Reisebuch, sofern es nicht zur „verrotteten Reiseliteratur“ neuester Prägung gehört, herrscht die Tradition des Bildungstourismus. Ganz gewiß schert sich der Prestel Verlag in der Konzeption, für seine sehr erfolgreiche, renommierte Reihe der Landschaftsbücher nur wenig darum, daß jüngst auch der Bundespräsident Scheel den Bildungsbegriff mit einem Ideal, dem nur eine kleine Schicht nachleben konnte, als elitär und unzeitgemäß bezeichnete. Bildungsbeflissenheit heißt die ironische Verketzerung.

Für die Landschaftsbücher und Städtemonographien des Prestel Verlages ist Reisen identisch mit dem Eindringen in Kunst, Historie und Kulturgeschichte. Auch in jüngsten Ankündigungen der Neuerscheinungen hält der Verlag sich etwas darauf zugute, daß er zum Beispiel „Hawaii jenseits des Tourismusklischees“ zeigt. Die Autoren preisen die elitäre Kunst des Reisens und verurteilen damit den Massentourismus in seiner oberflächlichen Form.

Der größere Teil der gepflegten Bände, die durch ihre sorgfältige Ausstattung ein bibliophiles Vergnügen sind, enthalten Landschaftsporträts. Sie regen den Leser an, in Landschaften und Städten wie in einem Gesicht zu lesen, sie gehen den sichtbaren Erbschaften von Generationen nach und an keiner Sehenswürdigkeit, keinem Kunstwerk vorbei. Doch sind es Bücher fast ohne Menschen. Der Einfluß der Archäologen, Kunsthistoriker und Geographen überwiegt. Die Bücher sind fundiert und gehen ins fachliche Detail, so daß selbst gewiegte Kenner noch etwas davon haben. Das Anziehende des Schönen, hier wird es noch dokumentiert. Die Bücher sind mit unendlicher Geduld und Liebe zur Typographie sorgfältig durchgebildet: und liebevoll mit ausgewählten Abbildungen ausgestattet. Verlagsleiter Gustav Stresow glaubt an die „Ausstrahlung und Macht des gelungenen Menschenwerkes“. Die Bücher setzen aufmerksame Leser voraus, die Bildungsdrang, Beharrlichkeit, Leselust und Zeit haben.

Neuerdings wenden vor allem die als „Führer“ deklarierten Bände der gewachsenen Reihe, die inzwischen mehr als hundert Bände umfaßt, größere Aufmerksamkeiten auch den ethnologischen, politischen und soziologischen Momenten zu und gehen mehr auf die heutigen Bedürfnisse der Reisenden ein. Die touristische Begegnung von Millionen hat zur menschlichen Anteilnahme am Schicksal der Bewohner der besuchten Länder und Kontinente geführt. Es werden nun von einigen Autoren auch praktische Ratschläge erteilt über ein gutes Nachtlager und Leckerbissen fremder Küchen. Aber Aktuelles ist schnell überholt und muß oft bei der nächsten Auflage eliminiert werden.

Der „Führer“ will aber kein alter Baedeker, Guide bleu oder Touring Club (die italienische Version) sein und kein schwatzhaftes Reisebuch. Die Prestel-Bücher sind von „Führern“ geschrieben, denen nichts Autoritäres anhaftet, es sind Reisefreunde, die ortskundig, gebildet, belesen und manchmal, aber nicht immer, Fachleute (Kunsthistoriker, Archäologen) sind. Werner Ross kennzeichnet sie so: „Es sind (im Idealfall) Liebhaber, die schon Kenner oder Kenner, die noch Liebhaber sind. Fabulierer, die ihre Geschichte hier und da mit einem bunten Einfall würzen. Die Führer müssen sachlich sein, denn der Leser will ja die Dinge und nicht die Eindrücke des Reisefreundes von ihnen kennenlernen, aber er muß auch Urteil haben.“

Das gelingt nicht immer. Der Prestel-Verlag hat viel Geduld darauf verwendet, diese Autoren zu finden. Wenn im Mosaik dieser Reihe auffallend viele Lücken sind, so liegt es daran, daß der richtige Autor noch nicht gefunden wurde oder gefunden, aber dann versagte. Zufall oder Glück sind auch im Spiel. Einige, die gefunden wurden und sich bewährten, schreiben immer wieder, so Helmut Domke, Franz Prinz zu Sayn-Wittgenstein, Herbert Schindler. Aber es scheint auch eine Art von Nibelungentreue des Verlages mitzusprechen. Wer einmal ein Landschaftsbuch schrieb, hat immer wieder eine Chance.