"Die Ungewißheit nach dem Schulabschluß lähmt uns"

Von Heike Mundzeck

Sie haben die Schule verlassen und "das Leben" vor sich, sie sind volljährig, aber noch von den Eltern abhängig, und über ihre Zukunft entscheiden nicht sie selbst, sondern ihre Abschlußnoten: Abiturienten 1976.

Ihre Lebenserwartungen schwanken zwischen zaghafter Zuversicht und deprimierter Skepsis, sie fühlen sich nicht als die künftige Elite der Nation, sondern suchen selbstkritisch nach ihrer Identität, die sie beim jahrelangen Gerangel um Punkte und Zensuren in Leistungsskursen und Pflichtfächern nicht finden konnten. "Der Streß in der Schule", sagt einer von ihnen, "hat nicht gerade meine besten Eigenschaften mobilisiert."

Fünf Abiturienten aus fünf Schulen in Hamburg und Schleswig-Holstein geben in diesem Bericht Auskünfte über sich selbst, über ihre Schulzeit und ihre Zukunftswünsche, über ihre Einstellung zur Politik und zur Gesellschaft sowie über ihre Ansichten zu persönlichen Dingen.

Zum Beispiel Jessica: Sie wählte Gemeinschaftskunde als Leistungsfach, "weil ich finde, auf diesem Gebiet sollte man unbedingt Bescheid wissen." Dadurch lernte sie, wie sie sagt, "Zeitungen zu lesen und nach Zusammenhängen zu fragen." Jessica hat es sich nicht leicht gemacht in der Schule. Sie wollte lernen, war begierig auf Informationen aus fast allen Bereichen "und stellte unheimlich viele Fragen". Ihre Lehrer "nervte sie manchmal damit", wie sie sagt, aber ihr bohrender Erkenntnisdrang fand am Erich doch Anerkennung. Er erst "mache" einen Gymnasiasten, erklärte eine Lehrerin, "hochschulreif". Doch Jessica, selbstkritisch, sensibel und noch auf der Suche nach einem Beruf, "in dem ich nie aufhöre, zu lernen" will trotz ihrer guten Abiturnote (2,1) nicht studieren. Ihr erstes Ziel: Selbständig werden, lernen, allein zurechtzukommen, erfahren, wer sie ist, was sie wirklich kann. Vom Vorbild des zutiefst bewunderten, beruflich erfolgreichen Vaters fühlt sie sich bisweilen fast erdrückt. So schwankt sie zwischen Bildungseuphorie und Versagensängsten. "Das Abitur war für mich als Selbstbestätigung unglaublich wichtig", sagt sie. "Denn im Grunde gefällt mir nichts an mir. Ich muß immer das Höchste und Beste von mir fordern und erreiche es doch nie."

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