Von Roland Gerber

Mit 50 Prozent Abiturienten mußten wir dieses Jahr vorliebnehmen", bedauerte Heino Selter, Polizeioberkommissar und oberster Nachwuchswerber des Hamburger Polizeipräsidenten. Von den 150 Ordnungshüter-Schülern, die die Hansestadt zum 1. April einberief und zum 1. Oktober noch einberufen wird, sind 75 Abiturienten. Und das ist ein Problem für die Hamburger Polizei, Denn sie kann keine Gewähr dafür übernehmen, daß der reifegeprüfte Polizeinachwuchs nach Abschluß der Ausbildung auch die Aufstiegschancen bekommt, die der Vorbildung und den Erwartungen entsprechen.

In Hamburg wie auch anderswo in der Bundesrepublik sind die Aufstiegsquoten in die nächsthöheren Ämter genau festgelegt. Und die Positionen vor allem in der nächsthöheren Laufbahn, dem gehobenen Dienst, sind derzeit weitgehend von jungen Kräften besetzt, die in den vergangenen Jahren ihre Ausbildung beendet haben. Das kann Unzufriedenheit schaffen, die die Polizei nicht brauchen kann. Auf der anderen Seite hat seit November vergangenen Jahres nicht ein einziger Bewerber mit Hauptschulabschluß die Einstellungsprüfung bestanden; und Bewerber mit mittlerer Reife oder Realschüler kommen nicht in solcher Anzahl, wie man es gern haben möchte.

Die Auslese ist denn auch mühevoll: Im Schnitt ganze 20 Prozent der Bewerber erwiesen sich in Hamburg für den Polizeidienst als geeignet. Das liegt nicht nur an mangelnder Intelligenz oder daran, daß die Bewerber mit ihrer Muttersprache auf Kriegsfuß stehen. Häufig genügen die jungen Leute auch den gesundheitlichen Anforderungen nicht.

Die Hamburger Polizei ist mit ihrem hohen Abiturientenanteil ein Sonderfall. Aber seit 1974 ist auch in allen Bundesländern die Abiturientenquote der Polizeidienst-Aspiranten sehr stark angestiegen; es werden immer mehr Abiturienten eingestellt. In Hessen beispielsweise liegt die Abiturientenquote in diesem Jahr bei 19 Prozent. Das findet die hessische Polizei derart beunruhigend, daß sie sich nun per Umfrage bei den Dienststellen anderer Bundesländer vergewissern will, ob es vertretbar sei, den Abiturientenanteil am Polizei-Nachwuchs zu kontingentieren. In Baden-Württembergs ist man bereits soweit. Seit 1974 werden dort nicht mehr als 100 Abiturienten pro Jahr eingestellt. Heute sieht es im Musterländle schon so aus, daß vor Herbst 1977 kein Abiturient mehr eine Chance hat.

In den sechziger Jahren sah das Zahlenverhältnis Abiturienten – Realschüler – Volksschüler noch ganz anders aus. In Rheinland-Pfalz etwa waren von den 1965 eingestellten Jungpolizisten ganze 1,6 Prozent Abiturienten; 22,8 Prozent hatten den Realschulabschluß bzw. mittlere Reife, aber drei Viertel, genau 75,6 Prozent, waren Volksschüler. Heute ist der Abiturientenanteil in Rheinland-Pfalz auf mehr als das Sechsfache (9,9 Prozent) hochgeschnellt, der Anteil der Realschüler hat sich mit 72,3 Prozent mehr als verdreifacht, der Hauptschüleranteil ist auf 17,8 Prozent gefallen. Das Verhältnis von Haupt- und Realschülern hat sich umgekehrt. In den anderen Bundesländern sind die Verhältnisse ähnlich.

Dahinter steckt Absicht: Das Niveau bei der Polizei soll angehoben werden. Grundvoraussetzung ist heute ein mittleres Bildungsniveau. Deshalb haben Bewerber, die "nur" den Hauptschulabschluß mitbringen, heute so gut wie keine Chance mehr. Zusätzliches Handikap: Die Bewerberzahlen insgesamt sind heute vier- bis sechsmal höher als die Zahl der freien Plätze.