Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im September Ältere Parteichefs demonstrieren offensichtlich gerne, wie gut sie sich über Wasser halten können. Vor zehn Jahren erneuerte Mao Tse-tung mit einem Bad im Yangtsekiang seinen Führungsanspruch. Im vergangenen Monat hat sich Leonid Breschnjew mit seiner Schwimmkraft gebrüstet, und das gleich mehrmals. Zu rumänischen und später japanischen Journalisten, die ihm auf der Krim begegneten,/sagte der Generalsekretär in fast gleichen Worten: Er schwimme täglich zweimal, seine Frau sehe das zwar nicht gerne, aber er tue es dennoch.

Erst nachträglich ist klargeworden, worauf Breschnjew da wohl angespielt hat, Sein alter, wenn auch abgeschlagener Rivale Alexej Kossygin hatte zuvor beim Baden einen Schlaganfall erlitten. Dieser Badeunfall ist in Moskau inzwischen von verschiedenen Seiten ausposaunt worden; zuerst gemeldet hatte ihn Ende August die Londoner Zeitung Evening News. Ihr Moskauer Korrespondent ist der sowjetische Journalist Victor Louis, für viele ein PR-Mann des sowjetischen Geheimdienstes.

Louis hatte bereits 1971 bei einer der Auseinandersetzungen zwischen Breschnjew und Kossygin die Hand am Puls; damals ließ er mit rätselhaften Ausführungen über Breschnjews zu hohen Blutdruck die Kreml-Astrologen aufhorchen. Diesmal will Louis allerdings im Urlaub gewesen sein, als seine Zeitung die Meldung abdruckte. An ihrer Richtigkeit besteht indessen kaum noch Zweifel. Der 72jährige Kossygin hat sich zwar wieder erholt, doch wird er wahrscheinlich nicht mehr lange in seinem Amt verbleiben.

Politisch würde der Abgang Kossygins nicht so dramatische Akzente setzen wie die Meldungen über seine Errettung vor dem Ertrinken. Vor zehn Jahren gab es noch einen heißen Sommer in Moskau, als der Ministerpräsident und der Parteichef in ihren neuen Ämtern zum erstenmal die Klingen kreuzten. Doch schon seit 1968 rankten sich um Kossygin immer wieder Gerüchte, er sei erschöpft, habe resigniert und wolle zurücktreten.

Anders als Breschnjew hat der publicityscheue, hochbegabte Verwaltungsfachmann aus Leningrad keine Hausmacht in der Partei aufgebaut. Zu einem ernsthaften Machtkampf mit Breschnjew um die Parteiführung hat er sich wohl nie gerüstet. Er wollte zwar mehr Machtbefugnisse – aber weniger für sich selbst als für seine Manager und für die Betriebe. Seine Wirtschaftsreform von 1965 war ein verdünnter Aufguß der Ideen des polnischen Ökonomen Oskar Lange, die bereits bei der Übernahme durch den sowjetischen Professor Libermann verbessert worden waren. Die Reform sah aber immer noch einschneidende Änderungen vor: eine Reduzierung der Planvorschriften für die Betriebe; neue Kompetenzen für die Betriebsleiter (zum Beispiel die innerbetriebliche Verteilung und Abstufung der Löhne); die Verbindung des Prämiensystems mit den Produktionserfolgen des Einzelbetriebes; materielle Anreize für Arbeiter und Manager; realistische Kostenberechnungen.

Dieses Reformprogramm von 1965 ist an vier Hürden hängengeblieben: Die Planwirtschaft war zu unnachgiebig, der militärisch-industrielle Komplex zu expansiv; Breschnjew zog Stabilität biszur Stagnation den meisten Reformen vor, und der Parteiapparat drängte den Staatsapparat zurück. Generalsekretär Breschnjew pochte mit zunehmender Machtfülle auf "Parteistil". Er warnte wiederholt, so auf dem Dezember-Plenum 1973, vor den "eng-wirtschaftlichen und technokratischen Gesichtspunkten gewisser Wirtschaftsführer" – gemeint waren Kossygins Manager.