Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Dies Zitat aus Schillers Teil ist nicht ohne Grund zu einem von Büchmanns geflügelten Worten geworden. Streitigkeiten zwischen Nachbarn übertreffen meist sogar den Streß-Pegel von Ehezwist und Ärger mit dem Chef. Wer zum Beispiel nach den Mühen des Bauens schließlich an einem milden Sommermorgen auf der Terrasse seines Eigenheimes sitzt und plötzlich erkennt, daß Nachbars frisch gepflanzte Pappeln ihm in spätestens zwei Jahren die teuer bezahlte Aussicht versperren werden, wer nachts nicht schlafen kann, weil die friedliche Vorortstraße vor dem ehelichen Schlafgemach zur Durchgangsstraße für den Fernverkehr geworden ist, der ärgert sich.

"Da muß man doch was unternehmen", ist meist die nächste Reaktion; die stille Wut wird umgesetzt in Aktivität. Aber was? Schon sind die Juristen im Spiel. "Also wissen Sie, Nachbarrecht" – sagt der befreundete Rechtsanwalt – "Nachbarrecht ist eine ganz knifflige Sache, das kann man nicht so aus dem Ärmel schütteln."

Einzelne Bestimmungen darüber finden sich im BGB (Drittes Buch, dritter Abschnitt, 1. Titel: Inhalt des Eigentums). Dort steht zum Beispiel, daß das Obst, das von einem Baum auf das Nachbargrundstück fällt, dem Nachbarn gehört (§ 911 BGB), daß ein Grundstückseigentümer Wurzeln und Zweige, die vom Nachbargrundstück aus eindringen oder überhängen, abschneiden und behalten darf, wenn der Nachbar das nicht selber tut (§ 910 BGB), und daß ein Baum, der auf der Grenze steht, beiden gemeinsam gehört; jeder kann jederzeit verlangen, daß der Baum gefällt wird (§ 923 BGB).

Diese Bestimmungen sind zwar heute nicht überflüssig, doch ist ihre praktische Bedeutung gering. Wichtig ist in immer noch zunehmendem Maße der sogenannte Immissionsschutz. Der Eigentümer kann anderen jede Einwirkung auf sein Grundstück verbieten. Nach § 906 BGB braucht er auch "die Zuführung von Gasen, Dämpfen, Gerüchen, Rauch, Ruß, Wärme, Geräusch, Erschütterungen und ähnliche Einwirkungen" nur dann zu dulden, wenn sein Grundstück dadurch nur unwesentlich beeinträchtigt wird oder wenn das Treiben des Nachbarn ortsüblich ist. Wenn also der Nachbar in einem Wohngebiet stundenlang bei offenem Fenster Klavier spielt, wenn er alte Autoreifen Im Garten verbrennt und damit die Luft verpestet, wenn er anfängt, dort Schweine zu halten, so kann man sich dagegen wehren, in diesen Fällen kommt vom Nachbargrundstück etwas herüber, – im einen Fall Geräusch, im anderen Gestank, im dritten beides – die Beeinträchtigung ist wesentlich und in einem Wohnviertel nicht ortsüblich.

Aber was ist mit den Pappeln, die die Aussicht wegnehmen? Sie führen dem Grundstück nichts zu, was stört, sie stören allein durch Anwesenheit. Solche negativen Immissionen müssen nach der überwiegenden Meinung in der juristischen Literatur und in der Rechtsprechung vom Nachbarn hingenommen werden. Normalerweise können sie nicht mit der Eigentumsschutzklage abgewehrt werden, auch dann nicht, wenn sie stören.

Freilich gelten neben dem BGB noch andere Gesetze, die das mehr auf das 19. Jahrhundert zugeschnittene "bürgerliche" Nachbarrecht ergänzen oder einschränken. Das Bundesimmissionsschutzgesetz ist hier zu nennen und eine Flut von landesrechtlichen Bestimmungen, vor allem das Baurecht und das Landschaftsschutzrecht.

Das Bundesimmissionsschutzgesetz kann gegen unseren Pappel-Pflanzer nicht angewendet werden, es sei denn, es handelte sich um eine förmliche Pappelzucht, eine gärtnerische Anlage (aber selbst dann ist es fraglich). Hat der Pappel-Pflanzer die landesrechtlichen Vorschriften über den Grenzabstand eingehalten und spricht auch vom Landschaftsschutz her nichts gegen die Pappeln, so bleibt dem armen Eigenheimbesitzer nur noch eine Möglichkeit: er könnte versuchen, sich auf das nachbarrechtliche Gemeinschaftsverhältnis zu berufen.