Junge Leute diskutieren, was Ost- und Westdeutsche noch verbindet

Der beiderseitige Wunsch nach Familienzusammenführung– einmal abgesehen von der gemeinsamen Sprache – ist wohl der wichtigste Aspekt, der Ostdeutsche und Westdeutsche heute noch verbindet. Aber sonst? Es fällt schwer, andere Gemeinsamkeiten zu benennen. Zu dominierend ist der Unterschied der politischen Systeme: Dort ein verfälschter Sozialismus mit Einheitspartei, hier Kapitalismus und parlamentarische Demokratie. So ist auch nicht weiter verwunderlich, daß selbst das gemeinsame geschichtliche und kulturelle Erbe – systembedingt – in der DDR anders verwaltet wird als in der Bundesrepublik. In der Literatur sei zum Beispiel auf Jean Paul und Hölderlin hingewiesen, deren geistige Haltung von DDR-Germanisten im Gegensatz zu ihren West-Kollegen als revolutionär und antibürgerlich festgeschrieben wird.

Wilhelm M. Haefs, 19 Jahre

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Im Juni dieses Jahres habe ich meine Mutter und ihre Geschwister für einige Tage in die DDR begleitet. Der Grund der Reise war das Wiedersehen mit Verwandten, die man zum Teil seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Bei diesem Aufenthalt in Ostdeutschland wurde mir klar, daß Ostdeutsche und Westdeutsche heute nur noch die verwandtschaftlichen Beziehungen und die gemeinsam verlebte Vergangenheit verbindet. Von morgens bis abends wurden alte Erinnerungen wachgerufen und Photos ausgetauscht. Gespräche über aktuelle politische Kontroversen wurden bewußt vermieden. Vor allem Diskussionen über Kommunismus, Marxismus oder die Sowjetunion wurden, wenn sie sich zufällig ergaben, sofort unterdrückt. Der Meinungsaustausch über wirtschaftliche Fragen ging über den oberflächlichen Vergleich von Preisen alltäglicher Konsumartikel nicht hinaus.

Die äußeren Umstände der DDR-Reise, wie beispielsweise Grenzkontrollen oder Geldumtausch, vermittelten mir den Eindruck, ich würde ins Ausland fahren. Dagegen wird jedoch in der menschlichen Begegnung deutlich, daß drüben Menschen leben mit den gleichen Anschauungen und Problemen, soweit sie nicht durch faktische Gegensätze beeinflußt sind.

Ich glaube, jemanden, der keine Verwandten drüben hat, mit denen er noch in Kontakt steht, zieht kaum etwas in die DDR. Darum bin ich überzeugt, daß die Bindungen immer geringer werden, denn bei den jungen Leuten bestehen die gemeinsamen Erinnerungen nicht, die verwandtschaftlichen Beziehungen übertragen sich auch nicht mehr. Die DDR wird mehr und mehr zum Ausland. Renate Marquardt, 19 Jahre