Von Hans C. Blumenberg

Stotz weht die amerikanische Flagge über dem weiten Land. Tapfere Siedler widerstehen den blutrünstigen Attacken tückischer Rothäute. Ein heroisches Spektakel scheint sich anzubahnen, doch schnell enthüllt sich die romantische, in die warmen Braun- und Gelbtöne der klassischen Westernmaler getauchte Szenerie als bloße Attrappe. Hier findet nicht Geschichte statt, hier wird sie inszeniert, nach den Regeln des Showbusiness bearbeitet, umgeschrieben und den Erwartungen des zahlenden Publikums angepaßt.

Einziger Schauplatz von Robert Altmans jüngstem Film "Buffalo Bill und die Indianer", der den ironischen Untertitel "Sitting Bulls Geschichtsunterricht" trägt, ist das Hauptquartier eines historischen Zirkusunternehmens, jener "Buffalo Bill Wild West Show" eines gewissen William Frederick Cody und seiner Manager, die auszogen, Amerika eine Legende zu verkaufen. "Buffalo Bill Cody", sagte Altman in einem langen Playboy"-Interview (August 1976), "war gewissermaßen der erste Filmstar, der erste total künstlich hergestellte amerikanische Held."

Tatsächlich hatte der Armee-Scout und Büffeljäger Cody keineswegs mit irgendwelchen bedeutenden Heldentaten von sich reden gemacht, als er im Herbst 1869 von dem Groschenromanautor Ned Buntline in Fort McPershon (Nebraska) "entdeckt" wurde. Für seine "Dirne Novels", die entscheidend dazu beitrugen, den Mythos des Wilden Westens zumal an der von leichtgläubigen Immigranten bevölkerten Ostküste populär zu machen, suchte Buntline gerade einen neuen Fortsetzungshelden mit halbwegs authentischem Hintergrund. Cody, der sich unversehens als "Buffalo Bill, King of the Border Men" verewigt sah, fand rasch Gefallen an seiner neuen Rolle als literarischer Supermann. Mit einer Fülle von Heften und Theaterstücken avancierte er in den siebziger Jahren zum Idol der Nation und ließ sich schließlich von seinem Manager Buntline dazu überreden, sich selber auf der Bühne darzustellen.

In seinem Film, der übrigens vage inspiriert ist von Arthur Kopits Bühnenstück "Indianer", spart Altman diese Entwicklung aus. Ihm geht es nicht allein um die – allzu billige – Zerstörung der Legende von Buffalo Bill, dem in vielen Hollywood-Filmen verklärten Helden der "Frontier", sondern primär um das Verhältnis zwischen populärer amerikanischer Mythologie und aktueller amerikanischer Realität, um das vielfach verschlungene Wechselspiel von Showbusiness und Politik. Insofern schließt "Buffalo Bill und die Indianer" direkt an die modernisierte Chandler-Version "The Long Goodbye", den Spielerfilm "California Split" und zumal an "Nashville" an.

Die Handlung spielt 1885, auf dem Höhepunkt von Codys Ruhm. Ned Buntline (Burt Lancaster), der eigentliche Erfinder des Markenzeichens Buffalo Bill, ist längst ausgebootet und fristet ein kümmerliches Dasein am Rande der großen Schau, als ungebetener Gast die Wahrheit verkündend und kaum noch geduldet. Cody (Paul Newman), ein monströs eitler Selbstdarsteller mit einer langen, blonden Lockenperücke und einer ausgeprägten Vorliebe für Opernsängerinnen, glaubt längst selber an seine glorreichen Taten, Seine Entourage, besteht aus ausgekochten Showbusiness-Profis, einem servilen Neffen und den von ihm abhängigen Mitglied dem der Zirkustruppe, darunter die berühmte Kunstschützin Annie Oakley (Geraldine Chaplin) und ihr furchtsam zitternder Partner Frank Butler (John Considine), der in der ständigen Angst lebt, Annie könnte ihm seine Amouren mit einem gezielten Fehlschuß, vergelten.

In diesen hektisch wimmelnden Jahrmarkt der Eitelkeiten, Intrigen und patriotischen Phrasen ("Mein Star, unser Star, Amerikas Star", protzt der Manager Nate Salsbury) geraten leibhaftige Indianer: der einst gefürchtete Sioux-Häuptling Sitting Bull (Frank Kaquitts), einer der Sieger jener Schlacht am Little Big Horn, bei der die Armee des Generals Custer vernichtet wurde, sein Adjutant und Dolmetscher Halsey (Will-Sampson, der stumme Indianer-Riese aus Formans "Kuckucksnest") und die Reste ihres Stammes. Die roten Krieger sind Realisten. Sie wollen sich lieber im Zirkus produzieren, als langsam in ihren winzigen Reservaten zugrunde zu gehen. Cody, der sich vor dem Spiegel immer wieder einbläut, er sei "generös und flexibel", macht die Honneurs: "Willkommen beim Showbusiness. Es unterscheidet sich nicht sehr vom wirklichen Leben."