Von Heidi Dürr

Ende vergangenen Monats gaben die beiden größten Kunstauktionshäuser der Welt, die Firmen Sotheby und Christie in London, ihre Umsatzzahlen für das soeben beendete Kunstmarkt-Jahr 1975/76 bekannt. Nachdem die erfolggewohnten Kunstmanager im vergangenen Jahr infolge der weltweiten Wirtschaftskrise erstmals in der Nachkriegszeit Rückschläge registrieren mußten, haben sie nun wieder Grund zur Zufriedenheit: Sotheby konnte seinen Umsatz um fast zwölf Prozent auf die Rekordsumme von 98 Millionen Pfund steigern, Christie von 34 auf knapp 50 Millionen.

Diese Zahlen, die sowohl die Ergebnisse der englischen Stammhäuser als auch die der zahlreichen Filialen in aller Welt enthalten, werden vom internationalen Kunsthandel als Symptome eines beginnenden Aufschwungs gewertet. Denn die Londoner Versteigerungen, die zu den wichtigsten Einkaufsquellen des Handels zählen, gelten in der Branche als schnell reagierende Barometer des aktuellen Markt-Klimas.

Optimistisch beurteilen die Händler auch die Tatsache, daß in diesem Jahr wieder in größerer Zahl Höchst- und Rekordpreise erreicht wurden. So wurden zum Beispiel in New York 1,4 Millionen Dollar für ein 1889 entstandenes "Stillleben mit japanischem Holzschnitt" von Gauguin bezahlt, in London 340 000 Pfund für ein Gemälde von William Turner und 144 100 Pfund für eine frühe Berglandschaft von Kandinsky. Ebenfalls in New York erzielte das Bild "Siena, Orange and Black" von Mark Rothko, um dessen von der Marlborough-Galerie verwalteten Nachlaß es zuvor einen sensationellen Prozeß gegeben hatte, mit 190 000 Dollar den höchsten Preis, der bisher auf einer Auktion für ein Werk dieses amerikanischen Malers bezahlt worden ist.

Auch bei Antiquitäten und alten Handschriften gab es einige neue Rekorde – etwa die 35 200 Pfund, die ein italienischer Sammler für eine Figurengruppe aus der italienischen Porzellanmanufaktur Capodimonte ausgab, die 4800 Pfund für eine venezianische Glasschale aus dem frühen 16. Jahrhundert oder auch die 310 000 Schweizer Franken, die – in einer Spezialauktion wissenschaftlicher Instrumente bei Koller in Zürich – für ein vergoldetes Universal-Astrolabium aus dem Jahr 1556 geboten wurden. Am 5. Juli erzielte in London ein bis dahin unbekanntes flämisches Stundenbuch den Spitzenpreis von 370 000 Pfund, immerhin knapp 1,7 Millionen Mark.

Derlei Zahlen beweisen, daß für verschiedenste Arten von Kunstwerken nach wie vor viel Geld ausgegeben wird. Wenn freilich Kunsthändler in solchen Ergebnissen Zeichen des Aufschwungs oder gar eines neuen Booms sehen, erinnern sie ein wenig an Wirtschafts- und Finanzminister, die mit positiven Einzelergebnissen den Aufschwung herbeireden wollen. Für eine allgemeine Euphorie nämlich gibt es auch auf dem Kunstmarkt keinen Anlaß – ebensowenig allerdings für allgemeinen Pessimismus.

Während der Rezession hat sich mehr denn je gezeigt, daß es keinen einheitlichen Kunstmarkt gibt, sondern sich das Geschäft mit bildender Kunst, mit Antiquitäten und anderen Sammelobjekten auf zahlreichen Einzelmärkten abspielt. Sie sind in sehr unterschiedlichem Maße von der allgemeinen Konjunktur abhängig. Mitten in der Rezession gab es auf dem Kunstmarkt gleichzeitig Rekorde, Preiseinbrüche und stabile Notierungen.