Kaltenkirchen

Der Hamburger Bürgermeister trug den Fall zu Markte. Zwischen Birnen und Bohnen sprach Hans Ulrich Klose vom Abspecken in Sachen Kaltenkirchen. Die fetten Jahre seien eben vorbei, verriet er auf dem Wochenmarkt von Neumünster den Markt- und Hausfrauen. Die hochfliegenden Pläne vom Weltflughafen Kaltenkirchen würden wohl zunächst einmal in den Schubladen verschwinden.

Kein Zweifel, in Kaltenkirchen steht eine Bauchlandung bevor, ob es zu einer Bruchlandung kommt, bleibt der Geschicklichkeit der verantwortlichen Politiker vorbehalten. Noch wagt niemand der Beteiligten, so kurz vor der Wahl von einem endgültigen Stopp zu sprechen. Niemand will Kaltenkirchen in den Sog der Wahlkampfauseinandersetzungen geraten lassen, doch purer Zufall ist es sicher nicht, daß sich die Diskussion jetzt zugespitzt hat.

Die „richtige“ Haltung zum „Luftkreuz des Nordens“ (Werbeprospekt) verspricht auch ein paar Kreuze mehr auf dem Wahlzettel. Rund 200 000 Menschen in und um Kaltenkirchen herum sind vondiesem Projekt betroffen. Viele Bürgerinitiativen, Lärmschutzinteressengemeinschaften und Umweltschutzorganisationen führen seit Jahren im Namen dieser Menschen einen Kleinkrieg gegen die Planungsgemeinschaft, das sind Hamburg (64 Prozent Beteiligung), der Bund (26) und Schleswig-Holstein (10) – drei Träger für das Drei-Milliarden-Projekt.

Mit militanten Parolen und cleveren Anwälten haben die Gegner den Planern die letzten Jahre ein schweres Leben bereitet. Der Münchner Anwalt Christian Kopf nahm sich der Flughafengegner an und ließ – genau wie in München bei der Planung des Flughafens im Erdinger Moos – keine Gelegenheit aus, um die Verantwortlichen vor die Schranken des Gerichts zu zitieren. Zwar verlor er die meisten seiner Prozesse, doch eines wurde gewonnen: Zeit.

Als irgendwann in den fünfziger Jahren die Regierungschefs aus Hamburg und Kiel sich in dem Restaurant „Onkel Tom’s Hütte“ bei Kaltenkirchen trafen und, wie Augenzeugen zu berichten wissen, auf einer schmuddeligen Landkarte den Standort „ausguckten“, war die Flugwelt noch heil. Die Raten von Fracht und Passagieren schnellten in die Höhe, immer mehr Flugbewegungen wurden gezählt. „Spätestens 1975 geht in Fuhlsbüttel nichts mehr“, hieß es damals.

Indes, die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Entwicklung im Luftverkehr verlief bei weitem nicht so rasant wie angenommen. Seit langem sind die Steigerungsraten beim Passagieraufkommen rückläufig, es wurden nicht nur schnellere, sondern auch größere Flugzeuge gebaut – die Zahl der Flugbewegungen stagnierte. Noch heute geht in Fuhlsbüttel alles. Nach den Anfangsplänen sollte Kaltenkirchen schon in diesem Jahr in Betrieb genommen werden. Doch Kaltenkirchen schien noch nie so überflüssig wie heute.

Die Planer wagen daran nicht zu denken, denn die haben bereits rund 100 Millionen Mark für Landankäufe und Planungen investiert. Nach den Schätzungen der fünfziger Jahre hatte die erste und wichtigste Baustufe rund 200 Millionen Mark gekostet, heute würde sie rund eine Milliarde Mark verschlingen. Wer wagt da noch durchzustarten?

Während FDP-Fraktionsführer Schumacher das Projekt „auf Eis legen“ möchte, hält es sein sozialdemokratischer Kollege Luckhardt schon „für gestorben“. Landesregierung und CDU betrachten den Flughafen nach wie vor als einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für das nördlichste Bundesland. Außerdem winken rund 8000 neue Arbeitsplätze, meinte CDU-Experte Boege.

Dennoch: Wo schon in diesem Jahr die ersten Jumbos starten und landen sollten, weiden noch immer Kühe. Der vor Jahren noch als Witz empfundene Vorschlag, statt des Airports hier ein staatliches Erholungsgebiet anzulegen, findet nun immer mehr Anhänger. R. B.