Endlich haben wir wieder eine ernst zu nehmende, qualitätsbewußte, einen großen Leserkreis ansprechende Zeitschrift für Literatur und Politik. Heinrich Böll, Günter Grass und Carola Stern legen das erste Heft der von ihnen herausgegebenen Paperback-Zeitschrift vor, die ein europäisches Forum werden soll (und werden könnte) für die Diskussion aller Probleme von Geist und Macht, also vor allem für die politisch, ökonomisch und ästhetisch im letzten Viertel des Jahrhunderts für Europa entscheidende Frage von Demokratie und Sozialismus.

Das erste Heft enthält Gedichte aus Ost- und Westdeutschland (Wolf Biermann und Nicolas Born), Aufsätze von Wissenschaftlern aus West und Ost (Lucio Lombardo-Radice und Wlodzimierz Brus), erstmals in der Bundesrepublik veröffentlichte "Lieder für die Freiheit Lateinamerikas" des uruguayischen Sängers Daniel Viglietti und einen Vorabdruck aus dem neuen Roman von Günter Grass, Beiträge aus den USA und der Sowjetunion (Arthur Miller und Roy Medwedjew), ein Gespräch Bölls mit dem Redakteur der Zeitschrift, Heinrich Vormweg, über "Solschenizyn und der Westen" und Analysen von Peter Bender, Iring Fetscher, Dieter Lattmann und Carola Stern.

Die viermal jährlich in unregelmäßiger Folge erscheinende Zeitschrift im Umfang von rund zweihundert Seiten (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt; Jahresabonnement 50 Mark, Einzelband 15 Mark) hat den kürzest denkbaren Titel: "L". Das Titel-"L", dem jeweils die Jahreszahl angehängt wird, ist ein Echo aus der Tschechoslowakei: Der Titel erinnert an die wiederholt (auch zur Zeit) verbotene Wochenzeitung des Schriftstellerverbandes und ihre wechselnden Titel: "Literární noviny" (Literaturzeitung), "Literární listy", "Listy" (Blätter). Mit dieser neuen Zeitschrift treibt der Prager Frühling eine späte Blüte. Obwohl "L" von westdeutschen Schriftstellern herausgegeben wird, ist die Zeitschrift mit dem einsilbigen Titel Beweis für die erneuernde Kraft einer der leider großen Bewegungen dieses Jahrhunderts in Europa: das Exil.

"L" soll eine Heimat bieten den in wachsender Zahl aus den sozialistischen Staaten Osteuropas in die Emigration verbannten Autoren, die in der Exil-Zeitschrift "Kontinent" nicht publizieren wollen, weil Solschenizyn und Wladimir Maximow sie ausdrücklich auf antikommunistischem, auf antisozialistischem Kurs steuern. Nachdem das "Kursbuch", die führende literarisch-politische Zeitschrift der Reformära Brandt/Heinemann, in Gefahr ist, sich in linke Esoterik einzuspinnen, hat "L" die Chance, kritische Gefolgschaft in allen politischen Lagern zu finden und so fortzuführen, was die tschechoslowakischen Vorgängerinnen mit Mut versucht haben: im demokratischen Sozialismus ein spannungsreiches, aber friedliches Neben- und Miteinander von Kunst und Politik zu wagen. Mit dem Blick auf die "Kunstfeindlichkeit der Linken", auf die "Welle der Gegenreform" in der Bundesrepublik und auf die Veränderungen in den kommunistischen Parteien der romanischen Länder wollen die Herausgeber versuchen, "den vagen Begriff demokratischer Sozialismus inhaltlich zu füllen".

Wie wichtig "L 76" für deutsche Leser ist, zeigen fast alle Beiträge mit erschreckender Deutlichkeit. Ist es nicht beschämend, wenn Carola Stern am Ende ihres Rückblicks auf "Fünfzehn Jahre ‚Amnesty International‘" gestehen muß: "Negative Folgen hat der Extremistenbeschluß der Ministerpräsidenten von 1972 auch für die Amnesty-Sektion der Bundesrepublik"? Wenn Dieter Lattmann beklagt, daß ausgerechnet "die erste deutsche Generation, die in einer stabilen Demokratie aufgewachsen ist", der "Radikalismus-Schnüffelei" ausgesetzt ist und so für die Demokratie gefährliche, "intelligente Duckmäuser herangezüchtet" werden, so liest man die Bestätigung dafür in der Rede, die der 1947 geborene Walter Adler bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden gehalten hat: "Ich bin gezwungen, mich zu verstellen. Ich habe Angst, und es ist auch die Angst vor der Selbstzensur."

Man muß nicht im Exil leben, um sich in der Fremde zu fühlen. "L 76" tut viel dafür, daß wir uns in dieser durch Angstmacher und bürokratisch übereifrige Erfüllungsgehilfen bedrohten Demokratie heimisch fühlen. Rolf Michaelis