Essen, im September

Am selben Wochenende, da die großen Parteien der Bundesrepublik in Mammutkundgebungen die heiße Phase des Wahlkampfes eröffneten und das Schauspiel großer politischer Leidenschaft inszenierten, versammelte sich die FDP zu einem Familien treffen. Da würde auch auf die Pauke gehauen, aber mit Augenzwinkern. Da wurde Friderichs von Genscher als der "erfolgreichste Staranwalt der sozialen Marktwirtschaft" vorgestellt, Maihofer als "Gralshüter der liberalen Rechtspolitik" und Josef Ertl als der "beste Landwirtschaftsminister, den wir je gehabt haben"; grinsend meinte ein Liberaler, der laut und ausdauernd Beifall klatschte: "Im Prinzip stimmt’s."

Kapellen und Kabarettisten, Erbsensuppe, Luftballons und Kindergarten, Bier und Blues – die Botschaft der Liberalen war in viel Unterhaltung eingepackt. Botschaft? Soweit sie den in Essen versammelten Wahlhelfern der Partei galt – sie waren aus fast ganz Nordrhein-Westfalen angereist und vermittelten das seltene Gefühl, bei der FDP handele es sich um eine bedeutende Massenorganisation – ist sie wohl richtig angekommen. Es sieht nicht mehr nach einer Wahlschlappe aus, es lohnt sich, für die Partei zu arbeiten. Die Stimmung war freundlich bis optimistisch, und am Nachmittag, als Ertl Dampf machte, fast schon ein wenig bierselig.

Sonst aber ist der Inhalt der liberalen Botschaft nicht überwältigend, so wenig wie die der anderen Parteien. Natürlich verkündeten die Liberalen keine gewaltigen Alternativen, sondern betätigten sich als die Schiedsrichter des guten politischen Geschmacks und als Verteidiger demokratischer Umgangsformen: "Führen wir den Wahlkampf so, daß wir uns auch am Tage nach der Wahl noch die Hand geben können. Fair bleiben – Deutschland und unserer Demokratie zuliebe." Angst vor Konfrontation, Sehnsucht nach vernünftiger, schiedlich-friedlicher Beilegung aller Konflikte? Die FDP empfiehlt sich als Sorgenbrecher und Stilbildner.

Kampfumtost stehen die Recken der FDP nicht im Gelände, allenfalls an Maihofer noch stößt sich ein Teil der Union. Freundlich ist das Verhältnis der meisten Wähler zur FDP, freilich auch ein wenig unverbindlich. Da aber viele von ihnen den Spaß am großen Getöse verloren haben, mag es durchaus sein, daß sie der FDP den Zuschlag geben – nicht gerade aus flammender Begeisterung, aber in der Gewißheit, auf jeden Fall nicht das größte Übel gewählt zu haben. Manche Wähler mögen vielleicht auch nur deshalb die Liberalen ankreuzen, weil sie nicht recht zwischen Erst- und Zweitstimmen zu unterscheiden wissen.

Intellektueller Überbeanspruchung sind FDP-Anhänger auch nicht mehr ausgesetzt. Wichtig sind vor allem "die vier, auf die es ankommt", die Ministermannschaft also, mit der sich die Liberalen in der Tat sehen lassen können. Und wo die Freidemokraten ähnlich wie die Sozialdemokraten hinter Kohl die furchterweckende Figur von Strauß entdecken, so wird auf ihrem Bild der Koalition hinter dem Kanzler Helmut Schmidt die freundliche Figur Genschers sichtbar: eine Versicherung gegen alles Unorthodoxe, Radikale. "Auf den Vizekanzler kommt es an", haben die Jungdemokraten in ungewohnter Parteifrömmigkeit getextet.

Zum Schluß erlaubte sich Genscher in Essen sogar, den Idealfall für die Liberalen auszumalen: "Immer mehr Bürger erkennen, die CDU schafft es nicht. Das Gewicht der FDP in der künftigen sozial-liberalen Koalition wird zur zentralen Frage der Endphase des Wahlkampfes." Die Vorstellung ist wohl zu schön, um ganz wahr zu werden. R. Z.