Von Hanns Grössel

Emile Zola war neunundzwanzig Jahre alt, als er 1869 dem Verleger Albert Lacroix das Exposé für die "Rougon-Macquart" unterbreitete – für jenen Romanzyklus, der seine bekanntesten Werke enthält und worin er sein naturalistisches Literaturkonzept zu verwirklichen suchte. Zola war aus der Provence nach Paris gekommen; als Presse- und Werbemann im Verlag Hachette hatte er rasch begriffen, daß er auftrumpfen mußte, wenn er sich im Literaturbetrieb durchsetzen wollte, und dazu diente ihm die Berufung auf die positivistische Naturwissenschaft seiner Zeit. Er hatte Darwins "Ursprung der Arten" studiert, er kannte Arbeiten Ernst Haeckels und Claude Bernards "Einführung in das Studium der experimentellen Medizin" (1865). Besonders viel aber tat er sich auf die Anwendung der Vererbungslehre zugute, die damals noch in ihren Anfängen stand und die er sich unter anderem aus der "Philosophischen und physiologischen Abhandlung über die natürliche Vererbung ..." von Prosper Lucas angeeignet hatte.

Im Oktober 1871 erschien "Das Glück der Familie Rougon", der erste von zunächst zehn geplanten Romanen. "Physiologisch gesehen", schrieb Zola im Vorwort, zeigten die Rougon-Macquart "das langsame Vererben von Nerven- und Blutsübeln, die in einem Geschlecht als Folge eines ersten organischen Schadens zutage treten." Außerdem wolle er erläutern, "wie sich eine Familie, eine kleine Gruppe von Wesen, in einer Gesellschaft verhält", und so der zweifachen Frage des Temperaments und der Umwelt" nachgehen; das Werk sei für ihn "die Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich".

Mit der Niederlage von Sedan war dieses Zweite Kaiserreich, das der Staatsstreich Louis Napoleons im Dezember 1851 begründet hatte, gerade zu Ende gegangen. Das mußte sich auch auf Zolas Romanwerk auswirken, dessen Konzeption weiter zurücklag. Einerseits verstärkte der Sturz der Bonapartes die Geschichte vom Verfall der Familie Rougon-Macquart durch eine historische Parallele, andererseits erlaubte er Zola eine sehr viel schärfere, ausführlichere Kritik am vergangenen System – eine Kritik, hinter der die vererbungstheoretische und familiengeschichtliche Verklammerung der Romane untereinander oft bis zur Äußerlichkeit zurücktrat.

Kritikern gegenüber, die ihm diese Diskrepanz vorhielten, bestand Zola darauf, daß er nur seinen ursprünglichen Plan konsequent fortführe. 1878, als sieben Romane des Zyklus vorlagen, veröffentlichte er einen Stammbaum der Rougon-Macquart, um das zu beweisen; im zwanzigsten und letzten Band ("Doktor Pascal", 1893) ergänzt der Arzt Pascal Rougon diesen Stammbaum und freut sich über "ein so vollständiges, endgültiges Dokument, das keine einzige Lücke aufweist

Bei der Erweiterung des Umfangs von zehn auf zwanzig Bände waren nachträgliche Verschiebungen nicht zu vermeiden. Interessanter jedoch als die Frage, wieweit Zola seinen Plan im großen verwirklicht hat, ist die Frage, wieweit seine dokumentarische Methode im einzelnen dazu ausreichte, den jeweiligen Wirklichkeitsausschnitt seiner Romane zu erfassen. "Exakte Dokumente", Prozeßakten nämlich, hatte er schon für eine frühe Auftragsarbeit verwendet, für "Die Geheimnisse von Marseille" (1867), mit denen Zola an die Anfänge des sozialen Realismus im französischen Roman des 19. Jahrhunderts anknüpfte, an Eugène Sues "Geheimnisse von Paris" (1842/43). Später hat er bei den Vorarbeiten zu seinen Büchern immer mehr Fachliteratur und geschichtliche Werke herangezogen und sich außerdem in die verschiedensten Milieus begeben, um sie authentisch beschreiben zu können.

So reiste Zola für den Bergarbeiterroman "Germinal" 1884 in das nordfranzösische Braunkohlenrevier zwischen Douai und der belgischen Grenze, wo es zu einem Streik kam. Er wohnte in Bergarbeiterhäusern, besuchte die Wirtschaften neben den Zechen und fuhr mit ein. 1870 waren Streiks in Anzin ausgebrochen, ebenso in Aubin und La Ricamarie; auch darüber hatte Zola sich informiert. Als "Germinal" erschien, warf ihm der Kritiker Henry Duhamel vor, den beschriebenen Streik falsch datiert, die historische Wahrheit verfälscht und Mißstände erfunden zu haben, die längst behoben seien. In einem Brief entgegnete Zola, er habe für seinen Roman "sämtliche Streiks verwendet und zusammengefaßt, die, gegen 1869, das Ende des Kaiserreichs mit Blut besudelt hätten.