Von Wolfgang Boller

Deutschland liegt am nächsten – ein hübscher Werbegedanke des Deutschen Fremdenverkehrsverbandes. Der Bayerische Wald beispielsweise, annähernd zweimal so groß wie das Saarland, dabei aber nur halb so dicht besiedelt wie das menschenleere Schleswig-Holstein, ist von den Großstädten München, Augsburg und Nürnberg (auch Bamberg und Bayreuth), schlägt man einen Bogen um den Arber, in der Luftlinie nur 150 Kilometer entfernt.

Die Mittelgebirgslandschaft mit dem knapp 1500 Meter hohen Arber als höchstem Gipfel wurde spät entdeckt, doch dann schnell erschlossen und erobert. Zwischen 1960 und 1975 stiegen die jährlichen Übernachtungszahlen von 1,5 auf sieben Millionen. Luftkurorte wie Bayerisch Eisenstein mit rund 1650, Zwiesel mit 2000 oder Bodenmais mit über 4000 Fremdenbetten sind in den Ferienmonaten regelmäßig ausgebucht, hingegen im Frühjahr und Herbst auch von Rentnern oder Kurzurlaubern wenig beachtet, dabei aber nicht minder reizvoll.

Im Spätherbst zeigt sich die Sommerfrische zwischen der Donau und der Grenze zur Tschechoslowakei, beiläufig das größte zusammenhängende Waldgebiet in Mitteleuropa, nicht eben von der vorteilhaftesten Seite, doch eine Ostbayernreise wider die Jahreszeit gewährt überraschende Einsichten. Das Wagnis eines spontan beschlossenen Wochenendausflugs wird mit ungeschmälerter gastronomischer Huldigung für den späten (sprich: derzeit seltenen) Gast reich belohnt.

Ein paar Wochen später gibt es im Bayerischen Wald kein freies Bett. Mitte Dezember beginnt in den Wintersportorten wie Bodenmais (ein Sessellift, drei Schlepplifte), Bayerisch Eisenstein (Arber-Sesselbahn und sechs Schlepplifte) und St. Englmar (13 Schlepplifte) die Weiße Saison mit erhöhten Preisen, Skirummel, Schlangen bei den Liften (Avant) und überfüllten Lokalen (Après). Im November sind viele Hotels geschlossen. Die Wirtsstuben sind halbdunkel, weil nur die Lampe über dem Stammtisch brennt. Die Preise sind niedriger, die Portionen größer, die Wälder stiller, die Schafkopfer, Bärwurztrinker und Tabakschnupfer lauter.

In den Herbergen, die Überstunden machen, herrscht zwischen dem Wirt und seinen wenigen Gästen eine Beziehung respektvoller Familiarität, in deren Klima Wünsche von den Augen abgelesen werden. Im Hallenbad gibt’s kein Geschrei, für Sauna und Solarium keine Wartezeiten und Vormerklisten, im Fernsehraum keine Meinungsverschiedenheiten über die Kontinuität des eingeschalteten Programms. Das Hotel steht dem späten Gast uneingeschränkt zur Verfügung, das Personal ist ausschließlich um ihn bemüht, das ganze Dorf, so scheint’s, kennt und betrachtet ihn mit Wohlgefallen, und der Wald gehört ihm allein. So ist’s beispielsweise in Viechtach.

Viechtach ist ein adrettes Städtchen im Kreis Regen, dem waldreichsten in Westdeutschland (70 Prozent). Im Sommer kann man im Schwarzen Regen Karpfen, Schleie, Forellen und Hechte angeln. Es gibt ein schönes Schwimmbad am Großen Pfahl, Tennisplätze und eine Rollschuhbahn. Dafür ist es so tief im Herbst zu spät, zum Schlittschuhlaufen und Eisstockschießen zu früh. Aber es gibt ein großstädtisches Hotel (Schmaus) mit Hallenbad, finnischer Sauna und Solarium, Fitneßraum, Kneippanwendungen und Fernsehgerät auf dem Zimmer, außerdem einen winterfesten Campingplatz, ebenfalls mit Schwimmbad, Sauna, Solarium sowie einem Klubhaus mit Fernseh- und Leseräumen, nicht zu vergessen zwei Büchereien, zwei Kinos und zwei Kegelbahnen.