Von Iring Fetscher

Franz J. Hinkelammert: "Die Radikalisierung der Christdemokraten. Vom parlamentarischen Konservatismus zum Rechtsradikalismus"; Rotbuch Verlag, Berlin 1976; 142 Seiten, 8,– DM

Als Antwort auf die Herausforderung durch Apo und Studentenrebellion, die das selbstzufriedene Klima der bundesdeutschen Politik verunsicherten, hat sich seit etwa 1967 eine neue Rechte formiert, die ansatzweise radikale Züge zeigt. Diese Tendenz sucht der Verfasser des vorliegenden Buches durch eine Auslese von Belegen aus dem Bayernkurier, der Welt, dem Rheinischen Merkur und Reden von CSU-CDU-Politikern zu belegen und zu illustrieren.

Dabei geht er systematisch vor und behandelt zunächst die Gehlensche Institutionenlehre und die Doktrin des Kardinals Höffner (die er zu Unrecht als "die" katholische Soziallehre apostrophiert) als konservative Ausgangspunkte, die sich unschwer rechtsradikal umdeuten und verwerten lassen. Gehlen stellt einen prinzipiellen Gegensatz von Institutionen (Staat, Familie, Eigentum) und zum Chaos tendierender Rebellion fest, die unvermeidlich die Voraussetzungen zivilisierten Lebens zerstöre: "Die ewige Revolution gegen die Bestimmung des Menschen zur Kreatur, zur harten Notwendigkeit und zu mühseligen Pflichten, diese ewige Revolution, aus der der Mensch immer natürlicher und immer schreckenserregender hervorgeht, sie wird nicht eher beendet sein, als bis irgendwelche Eliten und schöpferische Minderheiten die ungemeine Herausforderung annehmen..." (Anthropologische Forschung).

Diese Eliten waren für Gehlen Könige und mutige adlige Ritter; gegen sie stehen die das Chaos – den Rückfall in Barbarei – repräsentierenden Rebellen. Mit dem Verfall der kriegerischen Tugenden sei aber die Kraft jener Eliten erloschen, und Gehlen sieht als einzig denkbaren Ersatz für die disziplinierende Wirkung des kriegerischen Kampfes die Askese. Damit wäre jedoch eine gemeinsame Gegnerschaft gegen Kapitalismus und Kommunismus gegeben, und aus diesem Grunde schon scheint sein Grundschema "in dieser Form für eine rechtsradikale Entwicklung des Konservativismus nicht geeignet" (Hinkelammert). Die notwendige Umdeutung betrifft vor allem den Naturbegriff. Gehlen begreift die Institutionen als gegen die Natur errichtete zivilisatorische Schutzwälle, für den Rechtsradikalismus soll der Staat (samt den übrigen Institutionen) selber als "Natur" erscheinen.

Verwendbar ist der Askesegedanke nur, wenn er als "innerweltliche Erfolgsaskese" begriffen wird (nicht als "moralisches Äquivalent für den Krieg" wie bei Gehlen). Entscheidend ist aber vor allem, daß "Rechtsstaat und Gesetzlichkeit als Dekadenz" erwiesen werden, als "Spitzfindigkeiten", "als unvereinbar mit dem Empfinden des Volkes oder gar als zu aufwendig", so Hinkelammert.

Ähnliche Umdeutungen – wenn auch weniger weitgehende – seien notwendig, um die Thesen des Kardinals Höffner für eine rechtsradikale Konzeption verwenden zu können. Bei ihm findet der Verfasser vor allem eine Ableitung des Privateigentums aus der Notwendigkeit der Institutionalisierung des Eigentums für den Menschen nach dem Sündenfall. Seine Kritik ist hier nicht genügend differenziert. Er hätte die bei Höffner völlig unkritisch nebeneinandergestellten Eigentumsarten (Eigenheim, Produktionsmittel und dergleichen) deutlich unterscheiden müssen, um nachzuweisen, daß eine breite Streuung des Eigentums an Produktionsmitteln in einer hochindustrialisierten Wirtschaft praktisch unmöglich ist, während eine möglichst gleich gute Versorgung aller Bevölkerungsschichten mit Gütern des täglichen und gehobenen Bedarfs durchaus denkbar und realisierbar erscheint. Hier wird die eine, allerdings gerade bei Kardinal Höffner besonders deutlich zutage tretende Tendenz der katholischen Soziallehre (ihr Eintreten für die freie Unternehmerinitiative im Namen des Naturrechts) .überbetont und die andere Komponente, wie sie in der Enzyklika "Progressio Populorum" deutlich wird, vernachlässigt.