Von Gerhard Prause

Wenn es um die Kostenexplosion in der Medizin geht, sagen viele Ärzte (und vor allem ihre Funktionäre), von einer Explosion könne – zumindest was das ärztliche Einkommen betreffe – überhaupt keine Rede sein. Überraschenderweise haben sie völlig recht: ein Rückblick in die Geschichte zeigt, daß Ärzte immer überdurchschnittlich gut verdient haben, auch schon in der Antike.

Besonders einträglich war der Beruf des Arztes im alten Rom, wo es – wie aber auch in anderen italienischen Städten – seit dem 2. Jahrhundert von der Kommune fest angestellte Ärzte gab. Diese "Archiatri" (Oberärzte), wovon unser Wort "Arzt" (über altdeutsch arzät und mittelhochdeutsch arûzt, arzet) kommt, reichten aber bei weitem nicht aus, um allen Kranken helfen zu können; große Städte hatten anfangs zehn, mittlere Städte sieben, kleine Städte fünf Archiatri. Im Jahre 368 ordnete Kaiser Valentinian I. für Rom die Anstellung von 14 Archiatern für die 14 Regionen der Stadt an.

Die Archiater wurden von der Stadt besoldet; sie sollten arme Leute unentgeltlich behandeln können, durften aber auch Honorare annehmen. Und von dieser Möglichkeit machten sie bald so fleißig Gebrauch, daß sie rasch reich wurden und dadurch ihren Stand zu gutem Ansehen brachten. Das wiederum hatte zur Folge, daß immer mehr den Beruf des Arztes wählten. Zwar blieb die Zahl der von den Städten angestellten Ärzte konstant, aber die Chancen, als freier Arzt zu Geld zu kommen, waren kaum geringer, zumal für die Ausbildung bei weitem nicht so viel investiert werden mußte wie heute. Nicht einmal Prüfungen waren im Rom der Kaiserzeit erforderlich.

Und so klagte denn der aus Pergamon stammende Galenus, der nach Hippokrates als bedeutendster Arzt der Antike gilt – nach einem Medizinstudium in Smyrna, Korinth und Alexandria arbeitete er als Gladiatorenarzt, ging dann nach Rom als Hausarzt der Kaiser Marc Aurel und Commodus, schrieb 20 Bände über das medizinische Wissen und den Ärztestand seiner Zeit und verdiente viel Geld – dieser Galenus also klagte darüber, daß Schuster, Zimmerleute, Färber, Schmiede ihr Handwerk aufgaben und Ärzte wurden.

Besonders großen Erfolg mit solchem Berufswechsel hatte – das war zur Zeit Neros – ein Mann namens Thessalus, der ursprünglich Weber gewesen war. Viele wollten ihm das nachmachen, zumal er öffentlich erklärte, ein halbes Jahr reiche zur Erwerbung der nötigen medizinischen Kenntnisse völlig aus. Kein Wunder, daß – wie Galenus bestätigte – die meisten, die damals an der ärztlichen Kunst verdienen wollten, nicht einmal gut lesen konnten. Galenus gab deswegen seinen Kollegen den Rat, sich im Gespräch mit gebildeten Patienten vor Sprachfehlern zu hüten.

Freilich kamen nicht alle durch solchen Berufswechsel auf ihre Kosten. Wenn man dem Dichter Martial glauben darf, wechselten viele ein zweites Mal den Beruf und wurden nun Leichenträger oder Gladiatoren, wobei sie, witzelte Martial, in ihrem neuen Beruf dasselbe taten wie zuvor als Ärzte, nämlich Leute unter die Erde bringen.