Auch Sex-Tabus werden jetzt abgebaut

Von Robert Gerhardt

Madrid, im September

Besorgt warnte Kardinal Gonzales aus Toledo seine Gläubigen vor Amoralität und Marxismus. "Wir wissen, daß Spanien, unser Vaterland, sich in einer Phase der Entwicklung des nationalen Lebens befindet", sagte er. "Und daher rufen wir die Jungfrau Maria an, wie schon so oft in Stunden der Not oder der Freude, damit das katholische Lebensgefühl nicht verlorengeht, sondern vielmehr sich verstärkt und reiner sein wird ..."

Nicht zum erstenmal hat sich die katholische Kirche Spaniens zu Veränderungen in der spanischen Gesellschaft geäußert. In der Politik wurde sie in den letzten Jahren der Franco-Diktatur zur treibenden Kraft der bis heute noch illegalen demokratischen Opposition; auf anderen Gebieten verfolgt sie dagegen noch immer die traditionelle Linie. Scheidung beispielsweise bleibt weiterhin ein Tabu. In Europa wird diese Auffassung nur noch von den Zwergstaaten San Marino, Andorra, Malta – und von Irland vertreten.

Doch viele heiratswillige Spanier sind inzwischen gewitzt genug, den Kirchenkodex zu umgehen. Sie lassen sich am südlichsten Punkt ihres Landes, auf Gibraltar, trauen. Nach britischem Recht. Denn "the rock" ist noch immer Kolonie Großbritanniens. Und auch bei den vorehelichen Kontakten werden das mahnende Wort und der Zeigefinger der Kirche nicht mehr so ernst genommen wie noch in den Jahren unter Generalissimo Franco.

Das Liebesleben der Spanier beginnt sich zu demokratisieren; die Senoritas sind auf dem Wege zur Emanzipation, oft gegen den Willen der sogenannten "stolzen Caballeros". Deren "Novias", die Freundinnen, gelten nicht mehr als Alleinbesitz wie früher, wenn nach dem ersten trauten Zusammensein der Bund fürs Leben versprochen wurde, auch wenn es bis zur Verwirklichung des Gelöbnisses noch Jahre dauerte. Diese Entwicklung beschränkt sich vorerst allerdings in der Hauptsache noch auf Künstler- und Universitätskreise. Da sorgt zum Beispiel die junge Spanierin, die früher nichts weiter lernte, als mit Nadel und Faden umzugehen, Klavier zu spielen oder die Küche zu besorgen, jetzt für Unruhe. Sie ist aktiv in der politischen Opposition, sie verdient ihr eigenes Geld – und wenn die Polizei Razzien gegen Gegner des herrschenden Systems veranstaltet, was trotz der täglich versprochenen Demokratisierungsvorhaben immer wieder geschieht, dann sind heute regelmäßig Frauen dabei. Sie fehlen auch selten als Angeklagte in politischen Prozessen, bei denen übrigens immer häufiger die Verteidigung von weiblichen Rechtsanwälten wahrgenommen wird.