Eine spektakuläre Debatte über die Weite des Wegs von der Philosophie in die Praxis

Von Dieter E. Zimmer

Unverändert war der auch vor der Erstürmung des Podiums nicht abzuhaltende Andrang, war der aufmarschierte Polizeischutz, waren Hitze und Hitzigkeit im Saal: Sonst aber hat sich offenbar einiges geändert im Land, und damit auch am Ablauf von öffentlichen Diskussionen.

Schon daß diese überhaupt stattfinden konnte, ist Beweis für die veränderte Lage. Der Generalsekretär der CDU an einem Podium mit dem einflußreichsten philosophischen Inspirator der unabhängigen Neuen Linken – das wäre vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen, und wäre ein solches Rencontre doch zusammengebracht worden, so wäre es sicher im Tumult, in gereimten Sprechchören und Resolutionen und Anträgen auf Umfunktionierung untergegangen.

Aber da saßen sie am Dienstag letzter Woche im Düsseldorfer "Bildungsforum": Kurt Biedenkopf und Herbert Marcuse, mit ihnen Alexander Mitscherlich, der Psychoanalytiker aus Frankfurt, und der Münchner Politologe Kurt Sontheimer als Diskussionsleiter, und die vier Professoren mühten sich schwitzend, dem ihnen zudiktierten diffusen Thema ("Der Widerstreit zwischen philosophischer Revolution und politischer Veränderung") eine Spur von Sinn abzugewinnen. Sie hörten sich an, gingen aufeinander ein, und die etwa 1800 Zuhörer ließen sie ausreden. Der dramatischste Augenblick dieses spektakulären Treffens war vielleicht der, als ein erster Rufer ("Haarspaltereien!" rief er, Gröberes nicht) Biedenkopf unterbrach und Mitscherlich mit unvermuteter Gereiztheit wieder für Ruhe sorgte: "Was wir machen wollen, ist ein Stück öffentlichen Nachdenkens, nicht ein chaotisches Durcheinander. Ich bin zu alt, um mir das gefallen lassen zu müssen, ich lasse mich nicht erpressen!"

Ein Leben ohne Angst?

Daß bei Schaukämpfen dieser Art das öffentliche Nachdenken nicht sehr weit oder sehr tief gehen kann, mußte allerdings Mitscherlich am empfindlichsten erfahren. Von Sontheimer befragt, ob er sich eine Gesellschaft ohne Angst wie die von Marcuse postulierte vorstellen könne, versuchte er sehr vorsichtig zu antworten: daß äußere Angstquellen wohl "einigermaßen" unter Kontrolle gebracht werden könnten, daß dann aber immer noch die inneren Angstquellen übrigblieben, die Angst in der Familie etwa, die Angst der Kinder vor den Erwachsenen; und daß die Angst, die der Mensch mit allen Lebewesen teile, auch etwas Positives habe: Sie rücke die Menschen einander näher. Nicht nur die Stimmen aus dem Publikum, auch Marcuses Reaktion ("ich habe einen körperlichen Schmerz empfunden, als ich Mitscherlichs Satz gehört habe") zeigten, wie behende und unausweichlich in der Arena-Stimmung solcher Debatten eine differenzierte These in ein klobiges Plädoyer für die Aufrechterhaltung von jederlei Angst umgelogen wird.