Jenseits der Paßbildautomaten, jenseits der photographischen Schönheitssalons beginnt die Arbeit der Porträtphotographin Liselotte Strelow. Eine 6x6-Kamera mit Mattscheibe, eine Lampe, höchstens zwei: mehr braucht sie nicht. Aber eine Sitzung bei ihr dauert zwei Stunden, fast so lange wie früher beim Porträtmaler. Liselotte Strelow will so viele Momente wie möglich in einem Bild konzentrieren. Für sie ist die Person wichtiger als die Komposition, der Ausdruck entscheidender als das schöne Bild. Gegen die Hollywood-Gloriole hat sie schon in den fünfziger Jahren das "entsüßte Porträt" propagiert. Wie bei Nadar oder der Cameron spielt auch bei Liselotte Strelows Porträts das Gesicht die Hauptrolle. Aber das muß sie meist erst freilegen, aus Kleidung, Schmuck und Schminke herausschälen, "denn die Leute wollen mir ja etwas vormachen". Wenn sie das merkt, und das merkt sie schnell, sagt sie etwa: "Nu vergessen Sie mal alles, was Sie vorm Spiegel einstudiert haben."

Am 9. September verleiht die Deutsche Gesellschaft für Photographie im Rahmen der diesjährigen Photokina ihren Kulturpreis 1976 an Liselotte Strelow (Porträt), Rosemarie Clausen (Theater) und Regina Relang (Mode)

Sie provoziert, um zu profilieren. Das Individuum soll sich zeigen: Hier stehe ich, so bin ich.

Es mag. das protestantische Erbe der "gelernten Berlinerin aus Hinterpommern" sein, das vielen ihrer Porträts diese Kraft von Bekenntnissen gibt. Thomas Mann, Gottfried Benn, Henry Moore, Jean Cocteau, Helene Weigel – welche Energie liegt in diesen Gesichtern, wieviel Einsicht und Sammlung.

Mit solchen Porträts hat sich Liselotte Strelow einen Namen gemacht. Ihr Geld hat sie mit Auftragsarbeiten verdient, mit hochdotierten Porträts aus dem Wirtschaftsleben. Da Photographien sie Gesichter ganz nach Maß und Auftrag: den Industriellen dynamisch, den Gewerkschaftler vertrauenswürdig, den Politiker als Jean-Gabin-Typ fürs Wahlkampfplakat ("Meine Plakate haben immer gesiegt"). Als sie den Auftrag erhielt, eine brauchbare Profilvorlage für eine neue Briefmarkenserie zu photographieren, Theodor Heuss als "ernsten Staatsmann", hatte sie "große Mühe, seine intellektuellen und ironischen Züge wegzusteuern". Diese Herstellbarkeit und Verfügbarkeit des Porträts, "das manipulierte Menschenbildes", hat Liselotte Strelow nach dem Krieg als erste Photographie detailliert beschrieben – eine exemplarische optische Aufklärungsarbeit, gerade auch im Blick auf die tägliche Fernsehpraxis. "Das psychologische Porträt", meint sie, auf die gegenwärtige Photographie angesprochen, "kommt wohl erst richtig."

Rosemarie Clausen hat die Theaterphotographie ganz zu ihrem Ausdrucksfeld gemacht. Vielleicht, sagt sie heute, "war es die Scheu, dem Menschen in der Realität so nahe zu kommen, daß ich nicht Porträt-, sondern Theaterphotographin wurde". Ihre Lehrjahre verbrachte sie wie Liselotte Strelow im Berlin der dreißiger Jahre. Als sie Shaws "Heilige Johanna" mit Elisabeth Bergner gesehen hatte, ließ die Theaterphotographie sie nicht mehr los. Heinrich George, Friedrich Kayssler, Käthe Gold: die Stars des Berliner Vorkriegstheaters hat Rosemarie Clausen photographiert, mit der umständlichen 13x18-Plattenkamera, in nachträglichen Rollenphotos, da Szenenphotos während der Proben an den meisten Bühnen damals noch nicht erlaubt waren. Käthe Dorsch als Mutter John in Hauptmanns "Ratten": "Drei Minuten hat sie für mich geschrien", in der Garderobe – aber das Bild wirkt wie ein Bühnenphoto. Von Gustaf Gründgens in Berlin und nach dem Krieg in Hamburg lernte die Theaterphotographin Rosemarie Clausen, den Dingen eine Form zu geben: "Er nahm mich, unscharf wie ich war. Er hat mich zur Ordnung gerufen." Konzentration auf das Wesentliche einer Szene, eines Charakters, einer Geste: das zeichnet ihre Theaterphotos aus, deren schwarzer Hintergrund alles Unwesentliche zurücktreten läßt. "Wenn jemand von meinen Bildern sagt: Man erkennt sie am Stil – denke, ich: Mußt mal wieder heller werden."

Imagination, nicht Illustration ist das Stichwort, nach dem die Theaterphotographin Rosemarie Clausen angetreten ist. Ihre Photos sind so souverän, weil sie ihre Quelle nie vergessen: Theaterphotographie als Bild gewordener Text – "Schrift und Maske", wie der bezeichnende Titel eines ihrer Photobücher lautet.