Einstimmig beschloß die Kultusministerkonferenz (KMK) am 7. Juli 1972, die Klassen 11, 12 und 13 – Obersekunda, Unter-und Oberprima – neu zu ordnen. Seitdem sprechen wir von KMK-Modell, Sekundarstufe II, Studien- oder Kollegstufe. Sie soll den Schülern die Freiheit geben, Fächer nach persönlichem Interesse, nach Eignung und Begabung zu wählen; individuelles und differenziertes Lernen soll die Lust am Lernen steigern, eigene Entscheidungen sollen zur Selbständigkeit beitragen. Wer es schafft, kann schon nach zwei Jahren Abitur machen. Das sind die Grundideen des KMK-Modells.

Duch folgende praktische Maßnahmen soll das Konzept verwirklicht werden: variable Grundkurse (drei Stunden pro Woche) und Leistungskurse (sechs Stunden) statt genormter Leistungskurse wechselnde Lerngruppen statt fester Klassenverbände; Punkte von null bis 15 statt Zensuren und neue Fächer wie Rechtskunde, Technologie, Statistik, Datenverarbeitung. Es gibt den Pflichtbereich mit den drei Schwerpunkten sprachlich-literarisch-künstlerisch, gesellschaftswissenschaftlich, mathematisch-naturwissenschaftlichtechnisch. Aus jedem Bereich muß jeder Schüler mindestens ein Fach belegen, und er muß zwei Leistungsfächer wählen, davon eine Fremdsprache oder Mathematik oder eine Naturwissenschaft. Im Abitur werden vier Fächer geprüft, davon drei schriftlich. Die Punkte dafür addieren sich mit den während der gesamten Oberstufe erhaltenen Punkten zu maximal 900, gleichbedeutend mit einem "sehr guten" Abitur (mindestens sind 300 Punkte erforderlich).

Mit diesem Schuljahr wurde das KMK-Modell an allen Gymnasien eingeführt, obwohl es an den meisten Schulen nicht genügend oder keine dafür ausgebildeten Lehrer und auch keine speziellen Lernpläne (Curricula) und Bücher gibt; es fehlen Tutoren für die Beratung bei der komplizierten Fächerauswahl; es mangelt an Räumen für den Unterricht, zum Ausruhen und zum Essen, da sich viele Kollegiaten den ganzen Tag über in der Schule aufhalten müssen; neue Fächer gibt es nur an sehr wenigen Oberstufen. Die materiellen Voraussetzungen für die Reform waren und sind also ausgesprochen schlecht.

Außerdem wird die Studienstufe von Land zu Land unterschiedlich, fast von Schule zu Schule mit Varianten praktiziert – von Bundeseinheitlichkeit keine Spur; dadurch kommt ein Wechsel von einem Bundesland in ein anderes beinahe einer schulischen Katastrophe gleich. Fast alle Kultusminister haben keine berufsbezogenen und berufsqualifizierenden Bildungsgänge eingerichtet, obwohl dies ausdrücklich in ihrem Konzept steht; deshalb ist ein Abitur der Sekundarstufe II wie eh und je im Grunde nur die Voraussetzung zum Studium, aber keine Startbasis in den Beruf. Und vor allem: Die Oberstufenreform vollzieht sich im Zeichen des totalen Numerus clausus; deshalb herrscht ein ungeheurer Leistungszwang in den Studienstufen, der zum Kampf um Zehntelpunkte zwingt, zu Drückebergerei und Duckmäusertum führt, der Kameradschaft in Feindschaft verkehrt und Neid, Angst und Neurosen züchtet. Aus einer imponierenden Idee wurde so vielerorts eine ärgerliche, fast skandalöse Wirklichkeit. H. M.