Von Elisabeth Noelle-Neumann

Die Wahlentscheidung der Frauen hat die politische Landschaft der Bundesrepublik in den letzten sieben Jahren stark verändert. Was sich da in zwei Schüben zugetragen hat – zuerst bei der Bundestagswahl 1969, dann noch entschiedener 1972 –, hat die Phantasie der Öffentlichkeit merkwürdig wenig beschäftigt.

Die Fakten stehen klar in der repräsentativen Wahlstatistik der statistischen Jahrbücher. Die SPD-Stimmen von Männern sind 1969 gegenüber 1965 um 3,6 und 1972 gegenüber 1969 um 2,9 Prozent angewachsen. Ihren Siegeszug machte die SPD 1969 bei Frauen mit 11,6 Prozent relativem Stimmengewinn gegenüber 1965 und noch einmal 13,1 Prozent 1972 gegenüber 1969. Die CDU/CSU hat ihren traditionellen Vorsprung bei Frauen verloren. Gewinnt sie ihn 1976 zurück?

Demoskopisch betrachtet, kreuzen sich drei Einflüsse auf die Wahlentscheidung der Frauen. Die Rückkehr der Frauen aus gehobenen Sozialschichten zur CDU/CSU und die nach wie vor große Bedeutung kirchlicher Bindung wirken sich zugunsten der CDU/CSU aus. Negativ für die CDU/CSU ist die Diskussion um den Paragraphen 218 und die vorherrschende Ansicht, SPD und FDP setzten sich stärker für die Gleichberechtigung der Frauen ein. Im Saldo gewinnt die CDU/CSU ihren traditionellen Vorsprung bei Frauen – 1957 bis 1965 fast zehn Prozent mehr – nicht zurück. Sie verbesserte sich im Vergleich zur letzten Bundestagswahl etwa ebenso wie bei Männern, aber ungleichmäßig nach Altersgruppen, bei Frauen über 30 mehr, bei Frauen unter 30 weniger. Bei den 18- bis 24jährigen werden sogar mehr junge Männer CDU/CSU wählen als junge Frauen.

Die Einstellung zur Schwangerschaftsunterbrechung wird für Frauen offensichtlich zum Prüfstein, ob es einer Partei mit der Gleichberechtigung der Frauen ernst sei. SPD und FDP sind der CDU/CSU weit überlegen, wenn gefragt wird: "Welche Partei setzt sich am stärksten für die Frauen ein – die SPD, die CDU/CSU oder die FDP?"

Die Auswirkung, auf die Wahlabsicht ist drastisch. Hätte sich die CDU/CSU bei Frauen unter 45 gegenüber 1972 ebenso entwickelt wie bei Frauen über 45, so hätte sie gegenwärtig bei den Umfragen 2 Prozent mehr Stimmen.

Der Einflußfaktor Kirche ist bekannt: Katholiken jeden Alters, die regelmäßig oder fast regelmäßig zur Kirche gehen, wählen zu über 80 Prozent CDU/CSU. Katholische Frauen unter 45, denen die Haltung der Kirche zu Paragraph 218 nicht paßt, setzen sich nicht dem Streß aus, regelmäßig zur Kirche zu gehen und zugleich eine SPD-Wahlabsicht zu hegen, sie gehen lieber weniger oft in die Kirche. So entziehen sich übrigens auch die katholischen Männer aus dem "Kreuzdruck" widerstreitender Loyalitäten wie religiöse Bindung/SPD-Neigung: Sie gehen weniger oft zur Kirche. Katholische Männer oder Frauen, die unregelmäßig zur Kirche gehen, sind nur zur Hälfte CDU/CSU-Anhänger (regelmäßig: 80 Prozent).