ZDF, Donnerstag, 2. September: "Glück zu allen Jahreszeiten", von Karlheins Rehbach

Man kann es – zum Beispiel an die Adresse der "Kreuzfeuer"-Befrager gerichtet – nicht oft genug sagen: Gewerkschaftler, deren Vater noch im Kaiserreich agitierten; Unternehmer, die über die besonderen Probleme der in der "Arbeitsgemeinschaft leistungsstarker Drogerien" zusammengeschlossenen Betriebe erzählen; Hoteliers, denen es gelingt, am Beispiel ihres Etablissements ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte zu veranschaulichen; Juristen, von denen der Betrachter am Bildschirm etwas über die Kriminalität in Berlin-W und Berlin-O anno 30 erfährt ... sie alle können, als die wahren Zeugen, weit Exakteres als jene sogenannten Prominenten aussagen, die sich nur allzuoft in belanglosen Stories und unverbindlichen Anspielungen verlieren: "Ja, Gründgens habe ich natürlich auch gekannt. Und was Stresemann betrifft, da fällt mir gerade ein..."

Wie wenig sie sagen, die Leute vorn an der Rampe, wie allgemein, konfus und widersprüchlich sie reden, das zeigen die Wahlsendungen in diesen Wochen mit aller gebotenen Schärfe: Er sei gar nicht gegen die Sozialisten als solche, sagte Strauß, als man ihn nach dem Slogan, dem Totengräber-Slogan für die Demokratie "Freiheit oder Sozialismus" befragte, nicht den demokratischen, sondern allein den marxistischen Sozialisten gelte sein Kampf. (Der Zuschauer glaubte seinen Ohren beinah nicht zu trauen: Wie? Einen demokratischen Sozialismus? Gibt es den denn überhaupt? Ja? Aber dann fällt die Parole der CDU doch in sich zusammen: eliminiert von Franz Josef Strauß!)

Da war der Lehrer Albert Siebenmorgen aus anderem Holze geschnitzt: Für den galt noch das "Ja ist Ja" und "Nein ist Nein" im Sinne der Bibel. Der redete nicht lange herum, sondern nannte die Dinge beim Namen. "Die Welt ist schön. Es gibt auch da drüben ein Leben. Ich bin ein glücklicher Mensch."

Ein zweiundachtzigjähriger Lehrer, drei Generationen hat er in seinem Dorf unterrichtet, erzählte von sich selbst. Nichts vom Kaiser, nichts von der Inflation, nichts von Faschismus und Demokratie, von der Kirche und den Parteien, vom Proletariat und von Gott: Albert Siebenmorgen, der gute Mensch aus dem Bergischen Land, war die Sonne, um die sich die Planeten drehten. Sein Leben war sozusagen der Text, zu dem die Geschichte die – Fußnoten schrieb.

"Hier ist es mir dreiundvierzig Jahre lang gutgegangen", meinte der Lehrer Siebenmorgen, indem er aus dem Fenster ins Dorf hinausschaute – und der Betrachter am Bildschirm fragte dazu: Gab’s keinen Juden im Bergischen Land? Ist niemand ermorden worden? Sind keine Bomben gefallen? "1944 kam ich frisch und froh nach Hause und fand alles heil und sicher vor. So langsam fing dann wieder der Schulbetrieb an": Welch ein Appell für die Zuschauenden, ihre eigene Geschichte dagegenzuhalten! Welch eine Provokation, im historischen und soziale! Kontext – dieser Bericht eines Hansguckindieluft, der, unbekümmert um die Realität, malend und Kuriositäten sammelnd ("Unerwarteterweise näherte sich der Ami nicht von Westen, sondern von Osten aus unserem Dorf"), Astrologie treibend und, tagtäglich, das Wetter in seinen Tagebücher notierend, scheinbar er. selbst geblieben ist.

Aber kann einer er Selbst sein, der keinen Widerstand aufbringt: ein Angepaßter, der mit der gleichen Fröhlichkeit im singenden Tonfall über den Krieg und die Schule, den Tod und den Regen berichtet?