Sehenswert

"Die letzte Frau" von Marco Ferreri. Über den Niedergang bürgerlicher Institutionen, über den Zusammenbruch des spätkapitalistischen Systems hat Ferreri längst vor dem berühmt-berüchtigten "Großen Fressen" Filme gemacht. Das geht zurück bis zu seinem spanischen Erstling "El Pisito" (1958), setzt sich fort über "Die Bienenkönigin", "Break-Up", "Dillinger ist tot" bis "Liza": Parabeln über kaputte Familien, zerstörerische und zerstörte Zweierbeziehungen. "Die letzte Frau" ist zusammen mit "Dillinger ist tot" sein radikalster Film, wäre das auch ohne jene finale Selbstkastration des ratlosen Protagonisten, die längst nicht so verstörend wirkt wie der vorangegangene monoton-verbissene Kleinkrieg zu zweit In einer jener in ewiges Halbdunkel getauchten Wohnhöhlen einer Trabantenstadt am Rande von Paris verzweifelt der junge Ingenieur Gérard (Gérard Depardieu) an seinem eingeübten männlichen Rollenverständnis. Sein Mangel an Sensibilität und Solidarität läßt eine Partnerschaft mit der schweigsamen Kindergärtnerin Valerie (Ornella Muti) zusehends unmöglich erscheinen. Der massige Sexualakrobat und selbstherrliche Über-Vater geht jämmerlich zugrunde. Ferreri gelingt es, die symbolhaft-allegorischen Elemente seiner Geschichte bruchlos mit einer genauen realistischen Beschreibung der konkreten Außenwelt zu verbinden.

Beachtlich

"Die Wildente" von Hans W. Geissendörfer. Ein Film mit offensichtlichen Qualitäten: wie zuletzt schon im "Sternsteinhof" ein homogenes, klug geführtes Schauspielerensemble von Bruno Ganz als Gregers Werte (verhalten fanatisch) bis Peter Kern als Hjalmar Ekdal (verhalten dumpf); klare, in Licht und Farbe vorzügliche Bildkompositionen (Kamera: Robby Müller); eine handwerkliche Sicherheit, die nicht mit der glatten Routine der Beauvais, Itzenplitz und Semmelroth zu verwechseln ist. Dennoch bleibt diese "Wildente" letztlich ein Fernsehfilm: Die von Geissendörfer versprochene "ganz direkte Vermittlung von Emotionen" findet bis auf die letzten zwanzig Minuten so zögernd und vorsichtig statt, daß man sich fragt, was den Regisseur eigentlich an Ibsens Drama interessiert hat. Immerhin: Wenn es Geissendörfer gelingt, einen Rest von geschmackvoll-langweiligem Fernsehmuff aus seinen Filmen zu vertreiben, wenn er tatsächlich Emotionen zeigt, statt nur von ihm zu reden, könnte man seine Arbeiten nicht nur respektieren, sondern auch lieben.

Mittelmäßig

"Die verrückten Reichen" von Claude Chabrol. In der ersten und in der letzten Einstellung gibt es Versteinerungen zu sehen, dazwischen Bilder aus einer versteinerten Gesellschaft. Der Bourgeois Claude Chabrol, der eine merkwürdige Haßliebe zu seiner Klasse pflegt, veranstaltet eine grelle Farce aus dem Leben der Pariser High-Society. Ehebrüche kreuz und quer, dazwischen seichtes Partygeschwätz, viele schöne Großaufnahmen von Stéphane Audran, ausgestopfte Tiere und kurze Traumfragmente von Gattenmord und Kastrationsangst Maria Schell, Curd Jürgens, Tomas Milian und Charles Aznavour absolvieren skurrile Kurzauftritte in dieser selbstgefälligen, zusammenhanglosen Horrorshow, die den Regisseur Chabrol völlig ratlos zeigt. Nach dem Ausklang seiner subversiven Kammerspielperiode mit "Blutige Hochzeit" weiß er offenbar nicht mehr, was er will. "Folies Bourgeoises" hätte vielleicht eine böse Groteske werden, können, doch dazu fehlt die satirische Schärfe. Claude Chabrol – ein ausgebrannter Fall?

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