Meist kommt Exzellenz nicht allein. Wenn die Limousine mit dem Diplomatenkennzeichen des Botschafters unbehelligt an den salutierenden tschechischen Grenzposten vorbei in den Westen rollt, dann beginnt der Familieneinkaufstag. Für die Dame die neueste Mode und ein Sortiment westlicher Kosmetika, für den Herrn Botschafter ein guter Tropfen und eine Flasche Gas fürs Elektronikfeuerzeug. Die Kinder freuen sich über die letzten Gags der Spielzeugindustrie, der Chauffeur kauft Nähseide, Melonen und Motoröl. Und warum nicht auch ein Riesenpaket mit kapitalistisch weichem Klosettpapier?

Was so anmutet wie eine Szene aus längst vergangenen Schwarzmarktzeiten, spielt sich beinahe jeden Tag in Bayern ab. In der oberpfälzischen Stadt Weiden (43 000 Einwohner, neun Schulen, 210 landwirtschaftliche Betriebe) lebt ein Großteil der 413 Läden vom Geschäft mit den Diplomaten. Karawanen gleich steuern deren Autos regelmäßig über 200 Kilometer Landstraße von der Goldenen Stadt Prag nach Weiden, wo die Einzelhändler in den letzten Jahreh zu "Hoflieferanten" für Privilegierte von "drüben" wurden. Ob Spargel aus Schwetzingen, hochwertige Teppichböden, reinseidene Vorhänge oder Diabetikermarmelade aus der Oberpfalz, wird über den Grenzübergang Waidhaus alles dasgeliefert, was in Prag nur schwer oder gar nicht zu bekommen ist.

"Wir bieten diesen Leuten vor allem den Service, den sie in der Tschechoslowakei nicht erhalten", umschreibt Horst-Dieter Brock mann, der Vorsitzende des Weidener Einzelhandelsverbands, mit diplomatischer Zurückhaltung jene Gründe, die die einst verschlafene Provinzstadt zum "Einkaufsmekka" werden ließen. Zwischen fünf und zwanzig Prozent ihres Umsatzes machen die Weidener Einzelhändler mit den mehreren hundert Diplomaten aus Prag, die als solche zudem billiger einkaufen als Einheimische, da sie keine Mehrwertsteuer zu bezahlen brauchen.

Wenn kleinere und mittlere Botschaften in Prag zum Empfang bitten, dann ist das Büffet oft "Made in Weiden". Helmut Pöllath versorgt die Diplomaten aus seinem Feinkostgeschäft mit Honigmelonen und Speiseeis, Lachs und Pasteten, Truthahn und "Prager Schinken". Und zuweilen liefert Pöllath auch einen Sack Zwiebeln oder Kartoffeln in die Botschafterküche, wobei der Feinkosthändler nicht ohne Ironie vermerkt, daß er just diese Lebensmittel kurz zuvor aus der Tschechoslowakei importierte.

Über Mangel an Stammkunden aus Afrika, Asien und dem Ostblock braucht sich auch Mercedes-Händler Georg Modl nicht zu beklagen. Bei ihm werden rund 100 Wagen der Untertürkheimer Marke, die das Prager Diplomatenkennzeichen tragen, regelmäßig repariert und gewartet.

Für Weidens Oberbürgermeister Hans Schröpf ist Weiden längst "zu einem kleinen, aber recht dekorativen Schaufenster in Richtung Osten geworden". Und aus der Sicht der Käufer betrachtet, meint Schröpf: "Für die Privilegierten in Prag gilt Weiden als diewirklich "Goldene. Stadt’."

Rolf Henkel