Von Manfred Bosch

Sie machen alles selbst: Autorenbetreuung und Lektorat, Satz und Druck, Werbung und Vertrieb, Buchhaltung und Pressearbeit: die Kleinstverleger. Büchermachen, sagen sie, sei lustig; lustig ist aber auch, solche Bücher zu kaufen und zu besitzen. Im Mainzer Schloß stellen die Zwerge der Zunft wieder aus, auf der vierten Minipressen-Messe (15. bis 22. September, von 14 bis 20 Uhr).

Minipressen und Kleinstverlage werden gern als Wartezimmer zum "eigentlichen" literarischen Bereich gedacht, als – für viele Autoren notwendige – Durchgangsstation in die geweihten Bezirke größerer Verlage. Quarantäne auf Zeit also, gewissermaßen zur Erlangung der niederen ’literarischen Weihen. Aber das ist nur bedingt richtig; wo das Kleinstverlegerwesen unverbildet ist, erweist es sich als Summe "gleichwertiger" Publikationsmöglichkeiten. Und was die Käufer dieser Art von Literatur angeht, so könnte man den Prospekttext eines dieser Kleinstverlage bemühen: "Klein, aber oho... Deutschlands Alternativverlage. Das sind diejenigen, die ohne Rücksicht auf finanzielles Kalkül Bücher gegen den Markt verlegen; das sind diejenigen, die – mit viel Idealismus – die eigentliche Kultur repräsentieren ... Geheimtips für Raritätensammler, Erholung für Leute, die die Nase voll haben vom Gesabbel der Simmel und Däniken."

Offenbar wird immer mehr Lesern bewußt, daß Kleinstverlage mehr als bloßen Unterhaltungswert zu bieten haben. Die 1975 erschienene Neuauflage des Minipressenkatalogs beweist in ihrem Umfang etwas von diesem Bedeutungszuwachs,. den Kleinstpressen und Alternativliteratur in den letzten Jahren erfahren haben. Nicht nur ist der "Bauchladen der Branche" vom üblichen Nullwachstum verschont geblieben – das Verzeichnis der Kleinstverlage im Anhang nennt mehr publizistische und literarische Kleinstunternehmungen als je zuvor.

Nie hat es an euphorischen Selbstzeugnissen dieses literarischen Bereichs gefehlt, und jetzt reizt Norbert Eichler im neuen Minipressenkatalog ganz hoch: "Die Minipressen haben gelernt, perfekt zu produzieren, sich wirksam zu präsentieren. Nun schlagen sie zu... Die Alternativpresse ist endlich zur wirklichen Alternative erwachsen, bereitet eine neue Kultur vor." Eine solche Aussage ist nur alternaiv; das ist Schrebergartenperspektive – da wäre erst einmal über den Zaun zu schauen, der diese Idylle Alternativliteratur umhegt.

Der Anspruch auf die Repräsentation einer neuen Kultur, bisweilen der neuen Kultur, wird indes von vielen erhoben. "Was uns verbindet", schreibt Hans Imhoff, "ist die feste Überzeugung, daß eine neue Literatur nicht von den Verlagsmillionären geschaffen wird, sondern von uns." Wichtiger als der sachliche Aussagewert solcher Meinungen freilich ist ihr dokumentarischer: Die meisten dieser Kleinstverlage sind Einmannbetriebe oder kennen auch im Kollektiv keine strenge Arbeitsteilung. Prüfung eingehender Typoskripte, Lektorierung, Setzen und Drucken oder Vervielfältigung, Binden, Kalkulation, Vertrieb und Buchhaltung, Pressearbeit: in einer hochspezialisierten Warengesellschaft tauchen hier Elemente einer selbstbestimmten Tätigkeit auf, in der die Schranken zwischen Beruf und Neigung überwunden sind und in der die sinnliche Erfahrbarkeit des "Ganzen" der Arbeit als punktuelle Vorwegnahme des "Gesamtarbeiters" (der linken Terminologie) erscheint. Diesen lustbetonenden Aspekt des Betreibens von Minipressen hebt der Werbespruch des Maro-Verlags Gersthofen hervor: "Büchermachen ist viel zu lustig, als daß man es den Berteismännern überlassen dürfte."

Peter Engel und W. C. Schmitt beurteilen diese "klitze-kleinen Berteismänner" so: "Sie bezeichnen sich als alternativ, merken allerdings mehr und mehr, daß auf dem Anti-Sektor nicht allzuviel zu holen ist." Als typische "Jugendbewegung" allerdings sind die Motive der "Szene" hier wohl fehlinterpretiert; ihr Problem ist eher, daß sich auch auf dem Anti-Sektor nichts geben läßt. Der relativ kleine "Szenen"-Markt ist überfüllt mit Zeitschriftenmachern, die ihre Texte gegenseitig abdrucken; es sind meist dieselben Autoren, die ihre Texte wieder und wieder anbieten oder einfach als Belege im Postkasten wieder vorfinden. Die große Zahl von Zeitschriften (Engel/Schmitt schätzen: 250) leuchtet wohl nur den Machern ein. (Allerdings sollte die sozialisierende, identitätsfördernde, mitunter therapeutische Funktion solcher Herausgebertätigkeit nicht übersehen werden.)