Von Nina Grunenberg

Auch die zweite Runde des Bundestagswahlkampfes hat den Sozialdemokraten den ersehnten Durchbruch nicht gebracht. Die Koalition hat die Nase zwar leicht vorn, aber sie quält sich dabei so arg, daß ihr die Favoritenrolle noch niemand so recht glauben will.

Wetten auf die CDU lassen sich freilich auch noch nicht plazieren, selbst wenn Kurt Biedenkopf mit Fug und Recht behaupten kann: "Wir bestimmen die Themen des Wahlkampfes, wir geben das Tempo der Auseinandersetzung an." Triumphierend rief er es am Sonntag in der Dortmunder Westfalenhalle 16 000 CDU-Anhängern zu (am gleichen Ort hatte die SPD am Tag zuvor nur 11 000 Parteigänger auf die Beine gebracht). Aber die "emotionale Grundwelle", auf der Willy Brandt 1972 davonsegelte und sich die Mehrheit für die Koalition holte, hat. Helmut Kohl bislang noch nicht auslösen können.

Ihm gelang jedoch ein kluger Schachzug: Er ließ in puncto Fernseh-Duell nicht locker, höhnte den Kanzler als "Schmidtchen-Kneifer mit dem e-la-sti-schen Standpunkt" und reizte ihn so sehr, daß Helmut Schmidt nichts übrig blieb, als sich auf das Thema einzulassen. In der Öffentlichkeit hatte er es bis dahin mit der linken Hand abgetan. Doch jetzt drohte die Diskussion darüber zum Hauptthema des Wahlkampfes zu werden. Immer mehr Bürger neigten dazu, die Sache sportlich zu betrachten: Warum eigentlich nicht?

Noch am Mittwochabend letzter Woche schien in Bonn sicher zu sein, daß der Kanzler doch in eine Ein-Stunden-Diskussion mit seinem Herausforderer einwilligen werde. Anschließend sollte die Sendung mit Franz Josef Strauß ("Franz Josef, der Strauß", heißt das bei Herbert Wehner) und Hans-Dietrich Genscher fortgesetzt werden. In diesem Sinne beantwortete Willy Brandt noch am Donnerstagmorgen die Frage eines NDR-Interviewers. Wenige Stunden später wurde der Rundfunkmann dringend gebeten, die Passage wieder zu löschen. Helmut Schmidt hatte sich anders besonnen.

Dabei hatten, zwei Männer nachgeholfen, die ihrer Loyalität und ihrem Temperament nach sonst nur wenig miteinander verbindet: Klaus Bölling als Berater und Büchsenspanner des Kanzlers ("Wenn Willy Brandt zu seiner Zeit einen so loyalen Berater gehabt hätte, wäre es ihm besser gegangen", meint ein Beobachter) und Horst Ehmke, ehemals Kanzleramtsminister unter Brandt und sicherlich zu jenen Sozialdemokraten zählend, an deren Adresse Herbert Wehner am letzten Samstag in der Westfalenhalle den Aufruf richtete: "Schmidt wählen, auch wem’s nicht schmeckt."

Beide rieten dem Kanzler dringend von dem Fernsehduell mit Kohl ab. Sie fürchteten, daß eine Stunde nicht ausreichen würde, um Sachfragen ernsthaft zu diskutieren, aber mehr als genug sei, um Allgemeinheiten auszutauschen. Sie wollten dem auf Verbindlichkeit bedachten Kohl nicht die Chance überlassen, "ab und zu was Böses, aber nichts Genaues" zu sagen, ohne daß ihr Kandidat die Möglichkeit hätte, in der gleichen Münze heimzuzahlen. Außerdem spricht Helmut Schmidt auch sonst lieber eine Stunde als zehn Minuten: Mit seinen überlangen Vortragszeiten gerät er immer häufiger in die Nähe russischer Parteitagsredner.