Gäbe es den Wahlkampf nicht, es gäbe 1976 wohl auch keine Wahlkampfthemen. Wie das Fabelwesen, das sich ernährt, indem es sich selbst verzehrt, lebt auch die Auseinandersetzung der Parteien von sich selbst. Nicht die Probleme, von denen wir ja genug hätten, liefern den Stoff – nur um den Stil geht es, in dem der Streit um die Probleme geführt wird. Dabei wird auf beiden Seiten geholzt und gebolzt.

Nur in einem Lande, das keine wirklichen Sorgen kennt, kein überragendes Problem, keinen unvernünftigen Dissens, kann die Frage, ob die beiden Kontra-Figuren miteinander, gegeneinander im Fernsehen auftreten sollen, zum beherrschenden Wahlkampfthema werden. Dabei ist ja keine Seite ohne Fehl. Kohl hat recht, wo er eine Konfrontation der Kanzlerkandidaten verlangt – es kommt nun einmal auf den Kanzler an; aber er irrt, wo er gründliche Diskussion ausschlägt. Schmidt hat recht, wo er dem seichten, gedankenlosen Austausch tibetanischer Gebetsmühlensprüche ausweichen möchte; aber seine Vier-mal-drei-Stunden-Forderung verbiegt einen berechtigten Wunsch ins Groteske – und die aggressive Bitterkeit, mit der er diesen Wunsch vortrug, verschob ihn vollends ins rein Polemische.

Schade. Man möchte sie schon beide sehen und hören. Hat Kohl wirklich nur Herz und Menschlichkeit, wenn ihm die angelernten Argumente ausgehen – und Schmidt wirklich nur Hirn und Unmenschlichkeit, wenn er Sachfragen geläufig auseinandersetzt? Ist der "Generalist" Kohl in Wahrheit ein Laie, der "Spezialist" Schmidt in Wahrheit ein Fachidiot? Der Wahlbürger hätte es gern gewußt. Wie es aussieht, wird er es am Fernsehschirm nicht erfahren. Es ist zu bedauern. Wo sie uns bei all ihrem Holzen und Bolzen schon die Problemdiskussion vorenthalten, hätten uns die Parteien wenigstens den Augenschein der Protagonisten im Clinch gönnen sollen. Th. S.