Propaganda

Die Wörter sind unterwegs und stiften Verwirrung: Es genügt für eine dreiviertel Stunde Fernsehspaß, wenn Alfred Tetzlaff, dem National-Ekel, eine Massage ins Haus steht. Es muß nur bis zum Schluß offenbleiben, was für eine Masseuse da anrückt, eine staatlich geprüfte und konzessionierte Gesundklopferin alter Art oder eine der Damen, die seit jüngerem in Kleinanzeigen nichts als ihre Telephonnummer bekanntgeben, auf daß jeder Interessent wisse, wozu sie bereit und in der Lage sind. Das Wortchen "Massage" hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, sein Informationswert allerdings hat gelitten. Der Sprachverbraucher bleibt im ungewissen.

Der Wissenschaftszweig, auf dem derlei Erkenntnisse wachsen, heißt Semantik. Die Semantik oder Bedeutungslehre untersucht – im Gegensatz zur reinen Bezeichnungslehre oder Onomasiologie – die Bedeutungsentwicklung eines Wortes, seine Erweiterung oder Verengung, seine Übertragung, Verstärkung oder Abschwächung, seine Verschlechterung oder Verbesserung. Bis vor kurzem war Semantik eine Angelegenheit der Linguisten und wurde leidlich unparteiisch betrieben. Nach der letzten Bundestagswahl aber kam sie ins politische Gerede. Eine "Semantik-Gruppe", ins Leben gerufen vom CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf, sorgte dafür: Der Arbeitskreis schickte sich an, Wörter für die Christdemokraten zu okkupieren, und was immer er damit im politischen Tagesgeschäft bewirkte oder nicht, den Begriff "Semantik" riß er damit aus seiner Beschaulichkeit. Er nahm ihm die wissenschaftliche Unschuld.

Die Sprachpolitiker handelten vermutlich aus Verlegenheit. Sie hatten für ihr Arbeitsfeld zwei Bezeichnungen zur Wahl: Propaganda und Agitation, und beide waren belastet. Wer sich mit ihnen behängte, lief Gefahr, für einen Wortfälscher oder gar für einen Volksbetrüger gehalten zu werden. Das Wahlvolk, um dessen Gunst man buhlen wollte, war durch Schaden hellhörig geworden. Die Geschichte des Wortes "Propaganda" und die Eigenart der Vokabel "Agitation" waren verdächtig.

Die Herkunft der "Propaganda" liegt offen: Anno Domini 1622 gründete Papst Gregor XV. in Rom die "Sacra Congregatio de Propaganda Fide". Die Heilige Vereinigung sollte der Verbreitung (lat. propagare – fortpflanzen, erweitern, verbreitern) des katholischen Glaubens dienen, an dem Luther gerüttelt hatte. So wurde nicht nur ein Wort geboren, es wurde auch das Verfahren in die Wege geleitet, mit dem bis heute Parteien aller Art ihre Ansichten in den Himmel heben und die Meinungen des Gegners verteufeln. Zur Sprachregelung entwarf man sogleich die Organisation, die die Parolen hinaustragen sollte.

Was Gregor XV. schuf, bewährte sich durch die Jahrhunderte, und wer immer eine Heilslehre unter’s Volk zu bringen trachtete, kopierte fortan die Methode. 1937 schrieb der Marxist Willi Münzenberg: "Das Wort ,Propaganda‘ gehört zu den gebräuchlichsten Worten des sozialistischen Wortschatzes. Im Gegensatz zur geringschätzigen Bewertung bürgerlicher Gruppen bedeutet das Wort ,Propaganda‘ in der sozialistischen Terminologie etwas Großes, Wertvolles, Geistiges, Wissenschaftliches. ‚Propaganda‘ ist hier die Bezeichnung für die Lehre von der Theorie, von der wissenschaftlichen Begründung des Sozialismus im Gegensatz zu der sozusagen angewandten Propaganda bei der Massenwerbung ..."

Derweilen aber hatte längst ein ganz anderer Politiker erkannt, was ihm Propaganda bedeutete. In "Mein Kampf" hatte Hitler mit seltener Klarheit verkündet: "Wenn die Propaganda ein ganzes Volk mit einer Idee erfüllt hat, kann die Organisation mit einer Handvoll Menschen die Konsequenzen ziehen." Es war darum nur folgerichtig, daß Goebbels 1937 in einer Anweisung an die Reichspressekonferenz seine Lieblingswaffe für sakrosankt erklärte: "Es wird gebeten, das Wort ,Propaganda‘ nicht mißbräuchlich zu verwenden. Propaganda ist im Sinne des neuen Staates gewissermaßen ein gesetzlich geschützter Begriff und soll nicht für abfällige Dinge Verwendung finden. Es gibt also keine "Greuelpropaganda’, keine ,bolschewistische Propaganda’, sondern nur eine Greuelhetze, Greuelagitation, Greuelkampagne und so weiter. Kurzum–Propaganda nur dann, wenn für uns, Hetze, wenn gegen uns."