Für die Wissenschaft ein Erfolg, aber von medizinischer Verwendbarkeit weit entfernt

Von Tilman Neudecker

Es ist erstaunlich, welch ungebrochener Lebenskraft sich bestimmte Phrasen erfreuen und immer dann fröhliche Urständ feiern, wenn publikumswirksame Forschungsergebnisse aus bestimmten Bereichen der Molekularbiologie der Öffentlichkeit serviert werden. Fast nie geht es da ohne den "zu erwartenden Durchbruch in der Krebsforschung", die sich anbahnende "medizinische Revolution" oder "neue Waffen im Kampf gegen Erbkrankheiten" ab.

Es ist gewiß erfreulich, wenn aus den Elfenbeintürmen der modernen naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung gelegentlich auch potentiell praktisch Verwertbares ans Tageslicht gelangt. Ärgerlich wird die Sache allerdings dann, wenn zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine allzu große, allzu offensichtliche Lücke klafft, wenn direkt oder unterschwellig in der zu informierenden Öffentlichkeit hochgespannte Erwartungen geweckt werden, die, an der nüchternen Realität gemessen, so kläglich Schiffbruch erleiden müssen. Hier das dafür jüngste Beispiel:

Die Nachricht ging um die Welt, und zweifellos ist dem Forscherteam unter Leitung des Nobelpreisträgers Har Gobind Khorana am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wieder einmal ein großer Wurf in der noch jungen, an spektakulären Erfolgen gewiß nicht armen Geschichte der Molekularbiologie gelungen. Am MIT ist es Wissenschaftlern nicht nur geglückt, ein Gen eines Coli-Bakteriums in neun Jahrelanger Arbeit künstlich zu synthetisieren – Ähnliches gelang kürzlich auch anderen Arbeitsgruppen, so etwa einem Team unter Hubert Köster am Chemischen Institut der Universität Hamburg. Das eigentlich Neue und Erstaunliche an der Erfolgsmeldung aus den Vereinigten Staaten ist die Tatsache, daß das MIT-"Gen aus der Retorte" erstmals kann, was seine synthetischen Vorgänger bislang nicht vermochten – nämlich auch tatsächlich als künstliche Erbanlage in einer lebenden Zelle zu funktionieren.

Warum bisher Kunstgene aus dem Reagenzglas immer nur in den Apparaturen molekularbiologischer Laboratorien, nicht aber in lebenden Zellen zu arbeiten vermochten, lag vor allem daran, daß solche genetischen Nachahmungen für die Zellen, denen man sie unterschieben wollte, quasi ein Auto ohne Zündschlüssel und Bremse darstellten.

Gene bestehen aus Desoxyribonucleinsäure (DNS), jener chemischen Verbindung, die als Erb-Substaflzr in den Zellen aller Lebewesen, vom Bakterium bis zum Menschen, vorkommt. Jedes DNS-Molekül baut sich aus einer kettenförmigen Verknüpfung vieler Tausender von nur vier verschiedenen Grundelementen auf, den sogenannten Nucleotiden. In der unregelmäßigen, gleichwohl hochspezifischen Aufeinanderfolge dieser Nucleotidbausteine ist im DNS-Fadenmolekül die Erbinformation – etwa wie in Morseschrift verfaßte Anweisungen zur Synthese von Eiweißkörpern, Enzymen und anderen Zellsubstanzen – biochemisch verschlüsselt. Ein DNS-Faden enthält viele solcher "Sätze" (Gene), geschrieben mit den vier Nucleotid-Buchstaben im "Alphabet des Lebens"; und damit Ordnung im Genarchiv der Zelle herrscht, sind die einzelnen Sätze jeweils fein säuberlich durch deutliche Nucleotid-Sequenz-Signale voneinander getrennt, die der Zelle jeweils Anfang und Endeeines Gens signalisieren.