Intellektuelle Wahlhilfe durch die Bekämpfung tiefsitzender Vorurteile will ein Buch leisten, das der interessanten Frage nachgeht, warum Christentum und Sozialismus in Deutschland (und nicht nur dort) noch immer als unversöhnliche Gegensätze erscheinen

Demosthenes Savramis: "Das Christliche in der SPD"; List Verlag, München 1976; 192 Seiten, 16,80 DM

Professor Savramis stammt aus Griechenland, hat jedoch seine akademische Karriere vornehmlich in der Bundesrepublik gemacht. Er ist Theologe wie Soziologe und lehrt zur Zeit Religions- und Kultursoziologie an der Universität Köln. Das sind gewiß Voraussetzungen für dieses Thema, für eine angemessene politische und theologische Erörterung aber ist das Buch von einer geradezu atemberaubenden Simplizität.

Der Verfasser "beweist", daß alle kritischen Einstellungen gegenüber den "Linken", den Intellektuellen und damit auch den Sozialisten auf Vorurteilen beruhen, also ungerechtfertigt sind. Von Adolf Hitler über Franz Josef Strauß bis Richard Jäger muß so manches markige Zitat herhalten, um das zu belegen. Die Kirche, so der Autor, habe aus dem Christentum eine Klassenreligion geformt, doch Gott sei Dank ist da der demokratische Sozialismus, der kraft seiner Utopie und seines ebenfalls universalen Wertsystems das von der Kirche und ihrem unchristlich gewordenen Wertsystem begangene Unrecht an Christus wiedergutzumachen im Begriffe ist. "Die Sozialdemokraten haben durch ihr Denken und Handeln eine Welt neuen Glaubens und Hoffens sowie neuen Liebens ins Dasein gerufen. Seitdem die Sozialisten sich um die armen ausgebeuteten und unterdrückten Menschen kümmern, wurde der aus der neutestamentlichen Botschaft vom Reiche Gottes auf Erden stammende Glaube wiederbelebt, daß es einen Tag der Gerechtigkeit und des Heils geben wird, der die Mächtigen und Großen der Erde stürzen und die Kleinen und Geringen zur Herrschaft bringen werde. Deshalb ergreife der Sozialismus die Massen, vorab die Jugend, wie ein Evangelium, das zu neuem Hoffen und Leben begeistern und aufrufen kann." So einfach löst sich die Frage nach dem Christlichen im Sozialismus!

Der Religionssoziologe Savramis, Autor eines ähnlichen Buches mit dem Titel "Jesus überlebt seine Mörder" (1973), bietet hier ein ebenso eindrucksvolles wie fatales Beispiel für die radikale "Verdiesseitigung" der christlichen Botschaft. Umgekehrt lädt er die sozialdemokratische Programmatik religiös auf, so daß sie schließlich als die wahre Heilslehre für unsere Zeit erscheint. In den Werken der "Träger und Präger des demokratischen Sozialismus" manifestiert sich dann nichts Geringeres als "die lebendige Präsenz Jesu". Angesichts eines polit-theologischen Synkretismus von solcher Naivität ist man geneigt, das Buch als eine typische Verirrung eines linken Zeitgeistes abzutun, der das Christentum für eine Politik der Veränderung in Anspruch nehmen will. Erst die im Anhang abgedruckte Dokumentation mit Reden führender sozialdemokratischer Politiker zum Verhältnis von Staat und Kirche führt den Leser wieder in die Realität zurück und macht deutlich, daß unsere Sozialdemokraten weitaus nüchterner denken.

Statt dessen betreibt hier ein gewiß wohlmeinender Autor die Demontage des Christentums zu einer reinen Sozialreligion und die Stilisierung einer weltlichen Partei zu einer Art Religionsgemeinschaft. Beides führt in die Irre. Nicht von ungefähr charakterisiert der Autor den von ihm vertretenen Geistestypus mit den Worten: "Das Schicksal jeden Intellektuellen bleibt es, eingefangen zu sein im utopischen Denken." Die Politik der SPD hat wahrlich überzeugendere Fürsprecher verdient als dieses Buch, um für Christen wählbar zu sein. Willy Brandt sagte 1973 vor Vertretern der Evangelischen Kirche: "Das Gespräch mit den Kirchen wird langfristig davon bestimmt sein, inwieweit es uns gelingt, an ideologischen Fallgruben vorbei zur differenzierten Erörterung in der Sache zu gelangen." Professor Savramis hätte gut daran getan, dies zu beherzigen. Kurt Sontheimer