Schwerin ist eine Reise wert. Und der gesamtdeutsche Sportverkehr weitere Anstrengungen, auch wenn die verhandelnde Gegenseite Bremsen einzubauen und die Bedeutung des deutsch-deutschen Sportkalenders herunterzuspielen versucht. Wie weit die Abgesandten des Deutschen Turn- und Sportbundes in Ostberlin mit ihren Nadelstichen gegen eine Ausweitung der sportlichen Auseinandersetzungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik gehen Sollen, das müssen sie bis Ende des Jahres deutlich machen.

Denn der Verhandlungs-Terminplan sieht nach Informationen aus dem Hagener Büro des DSB-Präsidenten Willi Weyer für Ende Oktober die Vorgespräche und für Ende November einen neuen Vertrag vor, um dessen Ausarbeitung sich zwei Dreier-Kommissionen bemühen, denen nicht unbedingt – wie in der Vergangenheit – die beiden Präsidenten Willi Weyer und Manfred Ewald angehören müssen. "Sie werden nur in strittigen Fällen bemüht", wurde dazu im "Haus des Sports" in Frankfurt/Main erklärt, wo DSB-Generalsekretär Karlheinz Gieseler als exzellentester Kenner der gesamtdeutschen Sportmaterie von einem "Einhalten der bisherigen Abmachungen" sprechen konnte und für 1977 gleichzeitig die Hoffnung ausdrückte: "Wir wollen noch viel mehr als bisher die mittlere und untere Ebene des Sports berücksichtigen."

Ringfrei Mülheim, der Mannschaftsmeister der Bundesrepublik 1975 bei den Amateurboxern, hatte im Juni für den Rückkampf beim sechsmaligen DDR-Titelträger Sportclub Traktor in Schwerin Einreise-Visa, Quartiere und Eintrittskarten für 200 Schlachtenbummler bestellt. Anfang August wurde der westdeutsche Klub vom "Reisebüro der DDR über die Hansa-Tourist GmbH in Essen" informiert, daß Ende Juli nur noch 30 Eintrittskarten zur Verfügung standen.

Plakate für die Boxveranstaltung, die einer "Ersten gesamtdeutschen Box-Mannschaftsmeisterschaft" gleichgestellt werden konnte, waren in der Stadt nicht zu sehen. Keine der fünf am Hauptbahnhof am Kampftag verkauften Zeitungen wies mit einer Zeile auf den Vergleich hin. Die Schweriner Offiziellen hatten die Bedeutung des Vergleichs – sicherlich bewußt – klein zu halten versucht. Sie behaupteten zwar, sich um eine Terminverlegung bemüht zu haben, um die 8000 Zuschauer fassende Kongreß- und Sporthalle benutzen zu können, die mit einer Nachwuchs-Erfinder-Show des Bezirks Schwerin unter dem Motto "Messe der Meister von morgen" bis einen Tag nach dem Boxvergleichskampf belegt war, aber Vorsitzender Kurt Grotloh vom Mülheimer Klub widersprach dieser Behauptung: "Wir wollten verlegen. Aber die Leute von SC Traktor konnten oder wollten nicht."

Also wurde in der Sporthalle der Trusioma-Plastikmaschinenwerke im Schweriner Stadtrandteil Lankow vor nicht einmal 500 Besuchern und zahlreichen leeren Plätzen geboxt, obwohl an der Tür ein Schild behauptete: "Ausverkauft".

Schlachtenbummler hatten die Mülheimer nicht mitbringen dürfen. Sie erhielten insgesamt nur zwanzig Visa für Boxer, Trainer, Vorstandsmitglied, einige Honoratioren und den Busfahrer. Für einen zweiten Kampfrichter war angeblich kein Visa zu bekommen.

Der SC Traktor hatte drei Kampfrichter zur Stelle, die folglich in allen Kämpfen in der Überzahl waren. Das Resultat: der deutsche Halbschwergewichtsmeister Günter Peters war drei Runden lang besser, wie ihm der Düsseldorfer Punktrichter Heinz Bremer mit einer 60:56-Wertung attestierte. Aber seine DDR-Punktrichter-Kollegen Hans-Ullrich Brast und Karl Degenhardt wußten es besser. Sie sorgten für ein Unentschieden in diesem Kampf und damit für ein 11:9 des SC Traktor in der Gesamtabrechnung.