An dem Fehlen eines mitreißenden Themas für die letzte Wahlkampfphase liegt es vor allem, daß in Bonn sämtliche Resonanzböden vibrieren, wenn sich ein solches Thema anzukündigen scheint. Spekulationen und Erwartungen schossen üppig ins Kraut, als Erich Honecker auf der Leipziger Messe wieder, freundliche Worte über die innerdeutschen Beziehungen fand, als die Nachricht von der 25-Punkte-Liste die Runde machte, über die alsbald mit der DDR verhandelt werden soll, oder als bekannt wurde, daß sich der sowjetische Botschafter in Bonn, Valentin Falin, nicht nur mit Außenminister Genscher, sondern auch mit dem Oppositionspolitiker Richard von Weizsäcker getroffen hat. Tut sich wieder etwas in der Deutschlandpolitik?

Das amtliche Bonn übte – eingedenk der alten östlichen Doppelstrategie barscher Erklärungen und besänftigender Gesten – Zurückhaltung. Zwar ist nach dem Gespräch zwischen Genscher und Falin der Eindruck zurückgeblieben, daß dem Kreml an fortgesetzten innerdeutschen Spannungen nichts liege. In einem Interview mit dem Bonner Generalanzeiger hat Falin sogar erklärt, die Sowjetunion habe "kein Interesse daran, daß Westberlin schwach ist und zum kranken Kind Europas wird".

Auf der anderen Seite aber stehen jene Äußerungen seines Amtskollegen in der DDR, Pjotr Abrassimow, die sich gegen eine Beteiligung Westberlins an Wahlen zum Europaparlament wenden. Bonn will sich in diesem Punkt nichts abhandeln lassen. Aber die Einbeziehung Westberlins wird zum Dauerthema.

Die vom ständigen Bonner Vertreter in Ostberlin, Günter Gaus, aufgestellte Liste mit 25 Punkten, über die schon in dieser Woche mit dem stellvertretenden DDR-Außenminister Kurt Nier verhandelt werden soll, enthält keine Sensationen. Im wesentlichen geht es um die Ausfüllung schon abgeschlossener Verträge: Etwa um eine Erleichterung des Kontakts Zwischen Verlobten hüben und drüben oder darum, daß Päckchen nicht zurückgeschickt werden, nur weil sie etwas mehr Kaffee als erlaubt enthalten.

Das Treffen zwischen Falin und Weizsäcker hat die Phantasie besonders beflügelt. Natürlich währt der Oppositionspolitiker Diskretion und ist nur zu dem Hinweis bereit, daß solche Zusammenkünfte seit längerem nichts völlig Ungewöhnliches seien. Dennoch ist die Annahme erlaubt, daß es dabei auch um den Wahlausgang ging. Das heißt aber auch: Erst nach: den Stimmgängen hier – und in den USA – wird sich die gemischte west-östliche Wetterlage klären; ein Wahlschlager in letzter Minute ist nicht zu erwarten.

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Wenn der Wahlkämpfer Hans-Dietrich Genscher künftig rasen muß, wird er allein rasen. Aus dem entsetzlichen Überhol-Unfall in der letzten Woche – vier Tote, darunter ein Journalist, und zwei mehr oder minder schwerverletzte Presseleute – hat die FDP auf der Stelle Konsequenzen gezogen.