Stuttgart

Thaddäus Troll, ein Kenner schwäbischer Lebensart, gibt seinen Lesern in Filbingers Musterländle nicht nur Antworten auf die so wichtige Frage: "Wo kommet die kloine Kender her"; nein, der Verfasser des mundartlichen Aufklärungswerkes, der außerdem noch mit personlichen Rezepten für deftig schwäbische Küche aufwarten kann, übte sich kürzlich auch in politischer Weiterbildung.

Außer Reinhold Maier sei Wilhelm II., Württembergs letzter König, "der einzige nicht nur verbal liberale Landesherr" gewesen, dessen "wir uns erfreuen durften", führte der linksliberale Schwabe nämlich Klage in einem Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung. So habe es zu dieses Königs Zeiten – Gott hab’ ihn wahrlich selig – weder eine Theaterzensur noch "eine Sozialistenverfolgung" gegeben; ja, Majestät sei bei der Einweihung des neuen Hoftheaters im Jahre 1912 sogar so weit über ihren königlichen Schatten gesprungen, daß sie die wegen Majestätsbeleidigung vorbestraften Dichter Ludwig. Thoma und Frank Wedekind eingeladen habe, die – so Troll: "im Sinne der heutigen politischen Sprachregelung Radikale waren".

Anlaß für die nostalgische geschichtliche Reminiszenz des Schwaben Troll ist indes nicht der in Baden-Württemberg immer noch mit schwäbischer Akribie praktizierte "Radikalenerlaß", sondern war ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung, der sich – eher amüsiert denn engagiert – mit der Tatsache befaßt hatte, daß eine Gipsbüste besagten Königs in eine Stuttgarter Modeboutique geraten und dort mit Glitzerschmuck behängt worden war.

Mit welchem heiligen Ernst die Schwaben freilich ihren letzten König im Herzen tragen, der auch als "Württembergs geliebter Herr" Eingang in die Heimatkundebücher gefunden hat, zeigte sich bald an der Reaktion auf die harmlose Glosse. Ein Heer von Königstreuen erhob sich in der Zeitungs-Leserschar, und dies nicht etwa – wie bei Troll – allein aus Frustration über den augenblicklichen Landesherrn.

Während Königskenner Troll zu erzählen wußte, daß die Sozialdemokraten Wilhelm II. freiwillig an die Spitze einer möglichen Republik gestellt hätten, weil dieser nämlich "als echter Liberaler Verständnis und sogar Sympathie für die Sozialdemokraten hatte", und in Erinnerung rief, daß im Jahre 1898 "mit ausdrücklicher behördlicher Genehmigung auf Empfehlung des Königs" in Stuttgart die erste deutsche Maifeier stattgefunden habe, schrieb Leserin Dore Z., 88 Jahre alt, ganz einfach voller Dankbarkeit: "Wie schön, daß wieder einmal etwas über unseren König in der Zeitung stand. Er hat mir mal – als ich ein kleines Mädchen war – auf dem Schloßplatz über die Haare gestrichen und gemeint, ich hätte Locken so hell wie Gold..."

Nun, Kinderköpf’ streicheln kann der jetzige Landesvater auch, zumindest darin übt er sich recht fleißig. Ob aber an der "Villa Reitzenstein", dem heutigen Sitz der Landesregierung, einmal "dankbare Genossen" vorbeiziehen werden, wie – so beschreibt Troll – es weiland Sozialdemokraten am Palais des Wilhelm II. taten – das darf allerdings angezweifelt werden.