Bei der IG Farbenindustrie AG in Abwicklung ist ein Wechsel in den Führungspositionen greifbar nahe gerückt. Schon auf der vorjährigen Hauptversammlung erwies sich die aus mehr als 100 Mitgliedern bestehende Interessengemeinschaft der IG-Farben-Liquis-Aktionäre als so stark, daß sie bei einigen Abstimmungen zu knappen Mehrheiten kam. Dies allerdings nur, weil einige Bankenvertreter – wie sie später einräumten – "falsch" abgestimmt haben. Dies wird auf der am 27. September 1976 stattfindenden Hauptversammlung sicherlich nicht wieder passieren, denn die Banken werden sich diesmal durch Angestellte vertreten lassen, die ihrer Aufgabe gewachsen sind.

Wenn die Opposition dennoch die Chance hat, der Hauptversammlung ihren Willen aufzuzwingen, dann liegt dies an ihrer stärkeren Position. Der in den letzten Wochen bis 4,80 Mark gekletterte Börsenkurs des IG Liquidationsscheins (an der Börse "IG Liqui" genannt) läßt nur den Schluß zu, daß die Opponenten weitere Papiere aufgekauft haben. Kenner der Materie behaupten, daß die Oppositionsgruope erheblich mehr als zwölf Millionen Mark aufwandte, um die bisherige Verwaltung aus dem Sattel heben zu können.

Warum so viel Aufwand? Die Oppositionsgruppe vermutet nach eigener Darstellung in der noch vorhandenen Liquidationsmasse der nach dem Kriege von den Alliierten zerschlagenen IG Farbenindustrie "Schätze", die nicht nur den Preis von 4,80 Mark für den einzelnen Liquidationsschein rechtfertigen, sondern vermutlich eine noch höhere Bewertung zulassen. Sie verweist darauf, daß beispielsweise bei der Liquidation privater Eisenbahngesellschaften letztlich Ausschüttungen zustande kamen, die dazu führten, daß die Börsenkurse der betreffenden Unternehmen sich vervielfachten. Jahrelang waren sie wegen Unkenntnis der erzielbaren Erlöse aus der Liquidationsmasse zu niedrig angesetzt worden.

Von der Oppositionsgruppe wird der Meinung des langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden der IG Farben i. L. widersprochen, der im vergangenen Jahr erklärt hatte, mehr als 2,20 Mark sei der Anteilschein nicht wert.

Ein ständiger Vorwurf der Opposition, die sehr stark von Bernd Günther und seiner Gruppe getragen wird (dazu gehören unter anderem die VA Vermögensverwaltungs-AG, Gronau/Westfalen; die Braunschweigische AG für Jute- und Flachsindustrie, die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen sowie einige holländische Unternehmen): Die Liquidatoren erwirtschafteten mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Kapital zu wenig Gewinn. Außerdem könnten sie die Liquidation beschleunigen und eine weitere Barausschüttung vornehmen. Die Opposition war bis zur vergangenen Hauptversammlung der Ansicht, man könne Kosten sparen, wenn nur noch ein Abwickler die Auflösung des Restkonzerns übernehmen würde.

Ohne auf die Ereignisse auf der turbulenten vorjährigen Hauptversammlung im einzelnen einzugehen, meine verehrten Leser, bleibt festzuhalten, daß die schließlich völlig verworrene Lage im Einvernehmen aller Beteiligten (von der Opposition waren Bernd Günther und Karl Ehlerding, Aufsichtsratsvorsitzender der VA, vertreten) nur durch das Amtsgericht Frankfurt geklärt werden konnte. Es bestellte den von der Hauptversammlungsmehrheit gewählten Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Dr. Ernst Joachim Bartels, den Abgesandten der Günther-Gruppe, zum Liquidator, aber auch Hans Göring, der dieses Amt seit vielen Jahren versieht (und den die Opposition loswerden wollte), sowie die Vereinigte Deutsche Treuhand-Gesellschaft, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Berlin und Frankfurt. Das vorgebliche Ziel, Kosten zu sparen, wurde mit dieser Lösung sicherlich nicht erreicht. Statt einen hatte man nun drei Liquidatoren.

Jetzt soll das korrigiert werden. Der Aktionär Breitscheid von der Vereinigung der IG Farben-Liquis-Aktionäre hat den Antrag gestellt, Dr. Bartels und Günther Vollmann, Neustadt am Rübenberge, zu Liquidatoren zu wählen, um auf diese Weise den nach seiner Auffassung "provisorisch gerichtlich bestellten Liquidationsvorstand wieder auf zwei, und zwar vom Vertrauen einer eindeutigen Aktionärsmehrheit getragenen Persönlichkeiten zu reduzieren".