München, im September

So milde und zurückhaltend, wie er. sich am vergangenen Wochenende bei seinem Auftritt mit Helmut Kohl auf dem Münchner CSU-Wahlkongreß gab, hat man Franz Josef Strauß letzthin selten erlebt. Tags darauf, bei der Dortmunder Großkundgebung der CDU, wiederum zusammen mit Kohl, zeigte er sich auch schon wieder bissiger. In der Olympiahalle aber hatte er sich anscheinend selber nur Papierform verordnet. Obwohl alle Voraussetzungen für ein Spektakel vorhanden waren – dreizehntausend Getreue füllten die Halle bis Zum Rand, glich Strauß eher einem Dozenten, der seinem Auditorium mit akademischer Ausführlichkeit auseinanderlegte, warum es um Freiheit oder Sozialismus geht.

Doch die Münchner Milde hat Methode. Zwar rechnet bei der CSU niemand damit, daß sich die Partei am 3. Oktober wieder auf jenes pralle Stimmenpolster von 62,1 Prozent betten kann, das ihr bei der Landtagswahl von 1974 aufgeschüttelt wurde. Aber umgekehrt bleibt die Hoffnung auch nicht auf die 55 Prozent beschränkt, die den Christlich-Sozialen bei den letzten vier Bundestagswahlen im Schnitt zugefallen sind. Als Zielpunkt wird ein Resultat zwischen den beiden Markierungen anvisiert: 58 Prozent oder mehr.

Daß die Latte so hoch gelegt wird, ist weder nur eine Sache der Selbstachtung oder des Prestiges, noch Ausfluß des spitzen Vergnügens, die größere Parteischwester CDU mit solchem Ehrgeiz zu kitzeln. Vielmehr wissen die Strategen südlich und nördlich des Mains, daß die CDU/CSU gerade aus ihren angestammten Regionen das Äußerste an Stimmen herausholen muß, wenn die bisher nur einmal gewonnene Hürde der absoluten Mehrheit wieder übersprungen werden soll. Aber Hochburgen weiter auszubauen ist schwer; mit jedem Schritt nach oben wird die Luft dünner.

Dennoch fühlt die CSU keine Atemnot. Was sie beflügelt, ist nicht nur ihre günstige Startposition und der spürbare Rückenwind, sondern zum Beispiel auch der Erfolg, der der Partei in den letzten Jahren in den bayerischen Städten und den städtischen Randgebieten beschieden war. Auf der anderen Seite freilich sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Bayern noch nicht so nivelliert wie in vielen anderen Regionen der Bundesrepublik. Was in Pfarrkirchen ankommt, taugt nicht unbedingt für München – und umgekehrt. So kann die CSU aus den Wahlen weder eine reine Landpartie noch einen bloßen Stadtbummel machen.

Der taktische Mittelweg besteht schlicht darin, das Erscheinungsbild freundlich auszumalen. Die eigenen Anhänger laufen, deshalb nicht davon, und noch Schwankende sollen damit gewonnen werden. Nicht zufällig arbeitet die CSU-Wahlwerbung mit einem kräftigen Schuß Humor und sogar Selbstironie. Die Gelassenheit, die sie darin zur Schau trägt, soll anziehend wirken.

So rührt auch Strauß nur noch mit dem kleinen Schlägel die große Pauke von Sonthofen, In München unterschied er beispielsweise fleißig zwischen guten und schlechten Sozialdemokraten. Der Slogan "Freiheit oder Sozialismus" wurde in seiner Auslegung geradezu ein barmherziges Werk, gegenüber der SPD: Er solle den.sozialen Demokraten gegen die Marxisten in der Partei helfen. Und überhaupt handele es sich um eine langfristige Auseinandersetzung, denn der Sozialismus drohe ja nicht über Nacht oder unverzüglich nach dem 3. Oktober, sondern sei ein schleichender Prozeß – eben deshalb aber um so gefährlicher.