Von Marlies Menge

Mit Neckermann geht’s billig und schnell nach Bulgarien: billiger, als wenn man auf eigene Kappe fliegt, bequemer, als wenn man per Auto die Strecke bewältigt. Im Schöße von Mutter Neckermann reist es sich sicher und warm, ein bißchen Mief inbegriffen. Es ist der unverwechselbare Deutsche, der so nach Bulgarien reist: Vater mit 30 Prozent Übergewicht, Mutter im ärmellosen Geblümten, die, Töchter mit Ohrringen und Trägerkleidchen. "Sie wollen den totalen Urlaub", meint Günther Jüngst, Chef der 14 NUR-Reiseleiter in Bulgarien, "nach dem Motto: hier bin ich, nun macht mal Urlaub mit mir!" Und Neckermann macht: Kindergarten und Kinderpartys für die Kleinen, für die Großen Begrüßungscocktail, Panoramafahrt, Bunter Abend, Ausflüge nach Istanbul und Moskau.

Man kann sich also von Neckermann planen lassen, doch man kann auch anders. Man braucht nur mit dem Neckermann-Flugzeug zu fliegen, sich am Flughafen in den zuständigen Bus verfrachten zu lassen, dessen Inhalt sich wenig später samt Gepäck in den Hotelhallen staut. Denn Mittwoch ist der Tag der ständigen Rush-hours, da fliegen alle Neckermann-Maschinen vom Sonnenstrand ab und kommen an – Schichtwechsel. Doch dann ist, wer will, frei. So frei, wie man es in einem Ostblockland kaum erwartet. Ich übernachtete im einfachen Zimmer eines Sosopoler Fischerhauses und in einer rotplüschigen Suite im Rosental, ohne daß es jemanden kümmerte. Ich mietete einen Fiat Lada und fuhr mit einer bulgarischen Freundin durchs Land. Sicher, nicht jeder hat eine bulgarische Freundin. Doch die Bulgaren drinnen im Land sind von so großer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, daß man es auch ohne Freundin wagen kann.

Zum Sonnenstrand kamen im letzten Jahr 60 000 Westdeutsche, 25 000 allein mit Neckermann. Kann man 60 000 Urlaubern gegenüber noch menschliche Gefühle hegen? Die Frau im "Rent-a-car"-Verleih, das Mädchen an der Rezeption tun ihre Pflicht, mit allzu großer Freundlichkeit halten sie sich nicht auf. Nur einmal lächelte mich ein Mädchen vom Hotel an; fragte dann, ob ich ihr einen Deodorant-Spray verkaufen könnte.

Der Sonnenstrand hat 120 Hotels mit rund 30 000 Betten. Viel internationales Gewimmel auf den Straßen: Schweden, Russen, Polen, Bulgaren, Deutsche. Stände mit Obst, Eis, BHs, Volkstümlichem. Am Straßenrand Schilder mit Photos von altmodischen Leuten, vermutlich Helden der Arbeit. Riesige kyrillische Zeichen, mit Hammer und Sichel in der Mitte, künden vom nächsten Kongreß der bulgarischen KP. Alte Männer sitzen hinter Personenwagen, verdienen ein paar Stótinki damit, daß dickbusige Frauen sich wiegen. Essen in den Restaurants bezahlt man mit Talons, so was wie Spielzeuggeld, die in jedem Haus, das zu Balkantourist gehört, angenommen werden. Überall kann man für seine Talons Schopska-Salat (Salat aus Gurken, Tomaten, Paprika und geriebenem Schafskäse), seine Yoghurtsuppe, den bulgarischen Wein bekommen, Im Hotelrestaurant spielt zum Mittagessen eine Pianistin im lila Kleid und silbernen Sandalen Weisen aus der Gräfin Mariza.

Ginka, meine bulgarische Freundin, führte mich in das mittelalterliche Fischerstädtchen Sosopol, auch am Schwarzen Meer, aber schon ganz bulgarisch. Enge, gewundene Straßen, alte Häuser mit blumenreichen Vorgärten, Weinreben in der Waagerechte als Terrassendach. An manchen Häuserwänden Todesanzeigen, 40 Tage bleiben sie dort, überall in Bulgarien sieht man sie. Sosopol hat nur ein Hotel, die Fischer vermieten kleine Zimmer in der Saison meist an bulgarische Urlauber. Beim Sosopoler Fischer hängt eine Ansicht vom Brandenburger Tor und ein Kitschbild: buntes Photo vom Meer mit dem Bildchen der Mutter Maria. "Kein Matrose lebt ohne die Madonna", erklärte Ginka, fügte schnell hinzu, daß das nicht Glaube, sondern Aberglaube sei.

Wie wohl alle Bulgaren ist Ginka Nationalistin, ist voller Anekdoten, die ausnahmslos mit der türkischen Besatzungszeit in Bulgarien zu tun haben. Warum schütteln die Bulgaren mit dem Kopf, wenn sie Ja sagen? Unter den Türken mußte man zum Todesurteil mit dem Kopf nicken und schon war der Kopf ab. In dieser Zeit gewöhnten sich die Bulgaren das Kopfschütteln zum Jasagen an. Felsen haben Mädchennamen, nach Legenden, wonach sich das schönste Mädchen des Ortes in den Tod stürzte, wenn die Türken kamen. Die vielen ummauerten Höfe sind aus der türkischen Zeit, Festungen gleich, den Türken sollte auch das Einsehen in die Familien verwehrt sein, denn kleine Mädchen klauten sie für ihre Harems, kleine Jungen bildeten sie als Soldaten aus.